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Full text: EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise / Elcheikh, Kareem (Rights reserved)

EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise Ergebnisse einer Online-Umfrage zu den Auswirkungen der Coronakrise auf die Situation von EU-Zugewanderten in Berlin Kareem Elcheikh Emilia Fabiańczyk Marianne Kraußlach Juli 2020 Die COVID-19-Pandemie verändert die (Arbeitsmarkt-)Situation von nahezu allen gesellschaftlichen Gruppen. (EU-)Zugewanderte, deren Arbeitsmarktintegration ohnehin erschwert ist, gehören in der Coronakrise zu einer besonders vulnerablen Zielgruppe. Das Projekt „Europäisches Berlin“ wird aus Mitteln der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales gefördert. In einer im Mai/Juni 2020 durchgeführten Online-Umfrage haben mehr als 3.000 in Berlin lebende EU-Zugewanderte Auskunft darüber gegeben, wie sie die Coronakrise erleben und welche Auswirkungen diese auf ihr (Arbeits-)Leben hat. Das Working Paper gibt einen Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Umfrage. So ist u. a. festzustellen, dass ein Zehntel (9,5 % bei den Italienerinnen und Italienern) bis zu einem knappen Fünftel (18,2 % bei den Rumäninnen und Rumänen) nicht mehr über dieselbe Arbeitsstelle verfügt wie vor Ausbruch der Coronakrise. Es zeigt sich zudem, dass selbstständig arbeitende Zugewanderte vor großen Herausforderungen stehen. Ein beachtlicher Anteil der Zugewanderten hat im Zuge der Pandemiesituation mit dem Gedanken gespielt, Berlin zu verlassen. Zu den am häufigsten angegebenen migrationsspezifischen Herausforderungen, mit denen die Zielgruppe während der Coronakrise konfrontiert ist, gehören mangelnde Kenntnisse über arbeitsrechtliche Fragen sowie den Zugang zu Corona-Hilfsmaßnahmen und zu Sozialleistungen. Zu diesen und weiteren Themen werden Grafiken und Analysen vorgestellt. Dabei wird stets der Frage nachgegangen, ob sich Auffälligkeiten in Abhängigkeit von Nationalität, Alter, Geschlecht oder Ankunftsjahr der Umfrageteilnehmenden beobachten lassen. EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise Inhaltsverzeichnis 1. Befragung von EU-Zugewanderten Mai/Juni 2020 ............................................................... 5 1.1. Methodik ....................................................................................................................... 5 1.2. Soziodemografisches Profil der Befragten .................................................................... 5 2. Situation der Befragten vor Beginn der Coronakrise ............................................................ 8 3. Arbeitssituation nach Ausbruch der Coronakrise ............................................................... 11 4. Veränderung der Lebenssituation und Herausforderungen während der Coronakrise ..... 16 5. Wegzugsüberlegungen im Zusammenhang mit der Coronakrise ....................................... 19 Literaturverzeichnis ..................................................................................................................... 25 Abbildungsverzeichnis ................................................................................................................. 25 Tabellenverzeichnis ..................................................................................................................... 26 |3 EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise 1. Befragung von EU-Zugewanderten Mai/Juni 2020 Minor führte im Rahmen des Projektes „Europäisches Berlin“ über den Zeitraum von dreieinhalb Wochen (vom 13. Mai 2020 bis zum 07. Juni 2020) eine Online-Befragung unter in Berlin lebendenden EU-Zugewanderten durch. Befragt wurden Staatsangehörige der sechs größten EU-Zuwanderungsgruppen in Berlin, d. h. Personen aus Polen, Italien, Bulgarien, Rumänien, Frankreich und Spanien. 1.1. Methodik Der Fragebogen war in den entsprechenden Herkunftssprachen sowie auf Deutsch verfügbar und enthielt Fragen zu soziodemografischen Merkmalen, zur aktuellen Arbeitssituation (inkl. zu Veränderungen, die ggf. aufgrund der Coronakrise eingetreten sind), zu Herausforderungen während der Coronakrise und zu eventuellen Veränderungen der Zukunftsperspektive für den Aufenthalt in Berlin durch die Coronakrise. Ziel der Befragung war es, bessere Kenntnis der Auswirkungen der Coronakrise auf die (Arbeitsmarkt-)Situation von in Berlin lebenden EU-Zugewanderten zu bekommen. Der Link zur Umfrage wurde im Befragungszeitraum mehrmals pro Woche in von den adressierten Zielgruppen oft genutzten Facebookgruppen geteilt. Für jede der untersuchten Zuwanderungsgruppen wurden mehrere Facebookgruppen identifiziert und zur Verbreitung des Links genutzt. Auswahlkriterien waren die Ausrichtung dieser Gruppen auf Berlin und eine möglichst große Mitgliederanzahl. Darüber hinaus wurde auch Werbung auf Facebook geschaltet, d. h. Personen, die in Berlin wohnen und Facebook in den Sprachen der untersuchten Zielgruppen nutzen, wurde der Aufruf zur Teilnahme an der Befragung in der jeweiligen Sprache angezeigt. Daneben wurde der Link zur Umfrage durch zahlreiche communityspezifische Kanäle verbreitet, darunter Blogs, Online-Magazine, Webseiten sowie Radiosender, die in den Herkunftssprachen gehalten sind und die sich häufig explizit an Zugewanderte aus bestimmten Herkunftsländern (in Berlin) richten. Zudem wurden Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die in den untersuchten Zuwanderungsgruppen gut vernetzt und aktiv sind, um Unterstützung bei der Verbreitung des Befragungslinks gebeten. Dazu zählten v. a. Vertreterinnen und Vertreter der Berliner Migrationsberatungsstellen und Migrantenselbstorganisationen. Insgesamt konnten berlinweit 3.537 Personen mit einer der sechs untersuchten Staatsangehörigkeiten erreicht werden. Bei der Auswertung konnten die Antworten von 3.092 Personen berücksichtigt werden. Aus dem Datensatz entfernt wurden die Daten von Personen, die nicht in Berlin wohnhaft sind, die in Deutschland geboren sind und/oder die nicht auf eine im Vorfeld festgelegte Mindestanzahl an Fragen antworteten. Da überproportional viele Frauen an der Umfrage teilnahmen, wurde eine Gewichtung vorgenommen, die sich an den Bevölkerungsdaten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg zur Geschlechterverteilung unter den jeweiligen Staatsangehörigen (Stand 31.12.2019) orientiert. 1.2. Soziodemografisches Profil der Befragten Für das vorliegende Working Paper wurden alle Befragten mit einer der sechs untersuchten Staatsangehörigkeiten berücksichtigt, die in Berlin wohnhaft sind. Tabelle 1 zeigt, dass es sich |5 bei den Befragten vor allem um Neuzugewanderte handelt, die in den letzten zehn Jahren nach Berlin gezogen sind. Tabelle 1: Zuzugsjahr der Befragten n = 306/267/1.200/535/225/579 © Minor Staatsangehörigkeit Bulgarisch Französisch Italienisch Polnisch Rumänisch Spanisch Vor 2010 2010 - 2015 2016 - 2018 2019 - 2020 13,1 % 15,9 % 13,3 % 23,0 % 6,0 % 12,4 % 52,7 % 23,8 % 41,4 % 36,8 % 41,4 % 46,2 % 23,5 % 37,8 % 30,0 % 26,1 % 34,8 % 28,1 % 10,8 % 22,4 % 15,3 % 14,1 % 17,7 % 13,3 % Der Vergleich der Befragungsdaten mit den Zahlen des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg zeigt, dass Frauen in den von Minor erhobenen Daten deutlich überrepräsentiert sind (Abbildung 1 und Tabelle 2). Dies gilt für alle untersuchten Staatsangehörigkeiten und trifft am stärksten auf die polnischen Befragten zu, unter denen der Anteil der Frauen bei 77,8 % lag. Wegen der sehr geringen Fallzahlen und der fehlenden Vergleichswerte zur Gewichtung bleiben in der folgenden Auswertung Personen unberücksichtigt, die bei der Frage nach dem Geschlecht „divers“ angegeben haben. Abbildung 1: Geschlecht der Befragten n = 308/271/1.207/537/228/585 © Minor 6| EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise Die Gewichtung wurde so vorgenommen, dass die Werte der Männer bei den dargestellten Gesamtwerten mehr ins Gewicht fallen – so viel stärker, dass ihr Wert so zum Gesamtwert beiträgt, wie es der Fall wäre, wenn sie proportional zu ihrem tatsächlichen Anteil in der Berliner Gesamtbevölkerung an der Umfrage teilgenommen hätten. Tabelle 2: Geschlechterverteilung in der Berliner Bevölkerung Einwohnerinnen und Einwohner Berlins nach Staatsangehörigkeit und Geschlecht. Stichtag 31.12.2019. Eigene Darstellung nach Amt für Statistik Berlin-Brandenburg (2020). Weiblich Staatsangehörigkeit Französisch Italienisch Polnisch Rumänisch Spanisch Bulgarisch Absolut 10.073 13.401 29.670 10.641 7.275 15.325 Prozent 50,3 % 42,4 % 52,4 % 43,9 % 48,4 % 49,7 % Männlich Absolut 9.950 18.172 26.903 13.623 7.770 15.499 Prozent 49,7 % 57,6 % 47,6 % 56,1 % 51,6 % 50,3 % Bei den Umfrageteilnehmenden handelt es sich zudem um eine sehr junge Gruppe: Die meisten Befragten aus Frankreich, Italien, Polen, Rumänien und Spanien gehören der Altersgruppe 26 bis 35 Jahre an. Im Falle der Befragten aus Frankreich, Italien und Spanien ist fast die Hälfte zwischen 26 und 35 Jahre alt. Bei den bulgarischen Umfrageteilnehmenden handelt es sich um eine im Durchschnitt deutlich ältere Altersgruppe: Hier sind 69,3 % der Befragten 36 Jahre oder älter. Abbildung 2: Alter der Befragten n = 306/267/1.200/535/225/579. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Bei der Auswertung der Umfragedaten wurde für alle Variablen in Form von Kreuztabellen geprüft, ob sich Auffälligkeiten ergeben, wenn das Antwortverhalten der Befragten nach Altersgruppen, Geschlechtern und Zuzugsjahrgängen und weiteren ausgewählten Variablen betrachtet wird. Dort, wo dies der Fall war, wird auf diese Auffälligkeiten im Text hingewiesen. |7 2. Situation der Befragten vor Beginn der Coronakrise Um besser verstehen zu können, inwiefern die Coronakrise die Situation der EU-Zugewanderten in Berlin verändert hat, wurde zunächst die Beschäftigungssituation der Befragten vor Beginn der Krise erfasst. 1 Die große Mehrheit von ihnen (zwischen 67,9 % bei Befragten aus Rumänien und 82,2 % bei Befragten aus Polen) ging einer Arbeit nach. Die restlichen Befragten befanden sich mehrheitlich auf Arbeitssuche, kümmerten sich um Angehörige (Care-Arbeit) oder besuchten einen Sprachkurs (Abbildung 3). Abbildung 3: Hauptbeschäftigung vor Ausbruch der Coronakrise n = 300/265/1.192/533/225/573. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Als Beginn der Coronakrise wurde für die Umfrage der 01.03.2020 festgelegt. Dieses Datum wurde den Umfrageteilnehmenden angezeigt, wenn sie zu ihrer Situation vor oder nach dem Ausbruch der Coronakrise befragt wurden. 1 8| EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise Die Branche 2, in der die meisten Befragten arbeiteten, war die der Gastronomie, Hotellerie und des Tourismus. Insbesondere bei Personen italienischer Staatsangehörigkeit lag der Anteil hier hoch (18,5 %), doch auch die Befragten aus Bulgarien (17,7 %), Spanien (17,4 %) und Rumänien (15,9 %) waren relativ häufig in dieser Branche tätig. Eine ähnliche Häufung findet sich im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie, zu der v. a. Umfrageteilnehmende aus Frankreich, Polen, Italien und Spanien (17,6 %; 13,0 %; 12,4 %; 12,1 %) ihre berufliche Tätigkeit zählten. Zudem fällt auf, dass 20,9 % der Bulgarinnen und Bulgaren und 15,2 % der Rumäninnen und Rumänen angaben, in der Reinigungsbranche zu arbeiten. Jeweils ca. zwei Drittel der Befragten gingen ihrer Arbeit in Form einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigung nach. Bis zu einem Fünftel der Befragten arbeitete in Teilzeit, wobei Zugewanderte aus Bulgarien und Rumänien in dieser Hinsicht die Spitzenplätze einnahmen (Abbildung 4). Abbildung 4: Beschäftigungsform vor Ausbruch der Coronakrise n = 189/190/917/358/134/456. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Die Umfrageteilnehmenden wurden gebeten, ihre Tätigkeit einer von 24 vorgegebenen Branchen zuzuordnen. Die Auflistung orientierte sich an den Berufssegmenten bzw. Berufshauptgruppen, die die Bundesagentur für Arbeit für die Klassifizierung von Tätigkeiten verwendet. 2 |9 Unter den Selbstständigen hingegen waren besonders häufig Französinnen und Franzosen, Spanierinnen und Spanier sowie Italienerinnen und Italiener anzutreffen. Bei einer nationalitätenübergreifenden Auswertung war festzustellen, dass fast ein Drittel (31 %) der Selbstständigen im Bereich „Kunst, Kultur und Unterhaltung“ arbeitete. Gefolgt wird diese Branche anteilmäßig von Gastronomie, Hotellerie und Tourismus und der Reinigungsbranche, in denen 11,7 % bzw. 6,9 % der Selbstständigen tätig waren. Mini-Jobs schienen eher selten ausgeübt zu werden: Am höchsten war der Anteil hierfür unter den Rumäninnen und Rumänen mit 4,5 %. 10 | EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise 3. Arbeitssituation nach Ausbruch der Coronakrise Diejenigen Befragten, die vor Beginn der Coronakrise einer Arbeit nachgingen, wurden (es sei denn es handelte sich um eine selbstständige Tätigkeit) im Folgenden dazu befragt, ob sie weiterhin bei demselben Arbeitgeber angestellt sind. Dies trifft zwar auf das Gros der Befragten zu. Jedoch verfügt immerhin ein Zehntel (9,5 % bei den Italienerinnen und Italienern) bis zu einem knappen Fünftel (18,2 % bei den Rumäninnen und Rumänen) zum Befragungszeitpunkt nicht mehr über dieselbe Arbeitsstelle wie noch wenige Wochen zuvor (Abbildung 5). Abbildung 5: Weiterbeschäftigung beim Arbeitgeber Antworten auf die Frage: „Sind Sie weiterhin bei demselben Arbeitgeber angestellt wie vor dem Ausbruch der Coronakrise?“ n = 166/155/770/346/120/375. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Anteilig besonders stark betroffen sind Beschäftigte, die in den Bereichen Gastronomie, Hotellerie und Tourismus bzw. Reinigung arbeiteten. Von ihnen ist ein Fünftel bis ein knappes Viertel nicht länger bei seinem vorherigen Arbeitgeber tätig (Tabelle 3). Hingegen ist eine Weiterbeschäftigung der Befragten in den Bereichen Architektur, Bauplanung und Vermessung, Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften sowie im Ingenieurswesen der Regelfall. Auf EUZugewanderte, die in pädagogischen/sozialarbeiterischen Berufen bzw. in der Pflege und Gesundheitstechnik tätig waren, trifft dies ebenfalls überwiegend zu. | 11 Tabelle 3: Weiterbeschäftigung beim Arbeitgeber nach Branche n jeweils in Klammern.3 Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Branche Architektur, Bauplanung und Vermessung Dialogmarketing (Callcenter, Teleservice usw.) Finanz- und Steuerdienstleistungen, Recht Gastronomie, Hotellerie und Tourismus Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften Handel und Verkauf (außer Lebensmittel) Informatik und Kommunikationstechnologien Ingenieurwesen Kunst, Kultur und Unterhaltung Land-, Forst- und Tierwirtschaft und Gartenbau außer Ingenieurwesen Ja 96,3 % (87) 88,6 % (86) 91,2 % (70) 79,3 % (249) 93,9 % (60) 86,7 % (100) 90,8 % (195) 94,0 % (61) 88,2 % (65) 56,6 % (2) Nein 3,7 % (3) 11,4 % (11) 8,8 % (7) 20,7 % (74) 6,1 % (5) 13,3 % (14) 9,2 % (23) 6,0 % (4) 11,8 % (11) 43,4 % (1) Lebensmittelherstellung und -handel Mathematik und Naturwissenschaften Medien, Öffentlichkeitsarbeit und Verlage Medizinische Gesundheit Pädagogik, Sozialarbeit Pflege und Gesundheitstechnik Produktion außer Ingenieurwesen Reinigung Sicherheit und Überwachung Unternehmensführung und -organisation Verkehr und Logistik außer Zustellungs- und Lieferdienste Verwaltung und Mediendokumentation Werbung und Marketing außer Dialogmarketing Zustellungs- und Lieferdienste 87,3 % (22) 92,1 % (49) 91,4 % (44) 88,0 % (87) 95,9 % (147) 94,3 % (31) 95,0 % (23) 76,0 % (73) 78,6 % (5) 87,7 % (36) 90,5 % (83) 88,6 % (28) 81,9 % (65) 87,4 % (15) 12,7 % (5) 7,9 % (4) 8,6 % (4) 12,0 % (9) 4,1 % (5) 5,7 % (2) 5,0 % (2) 24,0 % (23) 21,4 % (1) 12,3 % (4) 9,5 % (6) 11,4 % (5) 18,1 % (14) 12,6 % (2) All diejenigen, die weiterhin bei ihrem Arbeitgeber beschäftigt sind, wurden dazu befragt, welche Maßnahmen dieser seit dem Ausbruch der Coronakrise implementiert hatte. Etwa ein Drittel der Befragten ist in Kurzarbeit gegangen. Rumäninnen und Rumänen bilden hier mit einem Anteil von etwas weniger als einem Viertel eine Ausnahme. Die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, wird v. a. Beschäftigen aus den (süd-)westlichen EU-Mitgliedsstaaten geboten. Die Spitzenposition nehmen dabei Französinnen und Franzosen mit einem Anteil von 73,4 % der Befragten ein. Bei jenen aus den (süd-)osteuropäischen Mitgliedsländern kann im Falle der Personen mit polnischer und rumänischer Staatsangehörigkeit in etwa jede bzw. jeder Dritte von zu Hause arbeiten, Bulgarinnen und Bulgaren hingegen nur in 17,1 % der Fälle. Zudem fällt auf, dass unter Bulgarinnen und Bulgaren sowie Rumäninnen und Rumänen ein recht hoher Anteil an Personen „Sonstiges“ angekreuzt hat. In den offenen Nennungen gaben diese beiden Zielgruppen Für Branchen, in denen weniger als 30 Personen tätig waren, wurden die Werte zwar mitberechnet, aber in grau abgebildet, um hervorzuheben, dass die Aussagekraft bei einer so geringen Fallzahl gering ist. Dies wird auch im weiteren Verlauf der Publikation entsprechend gehandhabt. 3 12 | EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise oft an, dass sich für sie seit dem Ausbruch der Coronakrise nichts verändert habe und sie weiterarbeiten wie zuvor. Tabelle 4: Maßnahmen des Arbeitgebers nach Ausbruch der Coronakrise n = 140/136/680/294/98/331. Mehrfachantworten möglich. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Unbezahlte AngeordFreistelneter lung Urlaub Entschädigung wg. vorübergehender Schließung Sonstiges Staatsangehörigkeit Bulgarisch Kurzarbeit Flexible Arbeitszeiten 32,1% 21,4% 17,1% 0,7% 2,9% 3,6% 30,7% Französisch 30,1% 31,6% 73,5% 1,5% 12,5% 0,7% 7,4% Italienisch 34,4% 25,4% 52,9% 1,3% 6,5% 2,1% 11,5% Polnisch 33,0% 28,2% 38,4% 0,7% 3,7% 12,2% 14,6% Rumänisch 23,5% 25,5% 31,6% 4,1% 3,1% 4,1% 24,5% Spanisch 32,6% 26,9% 52,6% 0,9% 7,3% 0,9% 11,5% Homeoffice Bei einer gesonderten Betrachtung nach Geschlecht fällt auf, dass Männer nahezu in allen Fällen häufiger davon berichten, dass ihre Arbeitgeber die aufgeführten Maßnahmen eingeführt haben. So liegt der Anteil an Personen, die in Kurzarbeit geschickt wurden, bei Männern zwischen 10,8 Prozentpunkten (für Frankreich) und 20,8 Prozentpunkten (Polen) über dem der Frauen. Eine Ausnahme stellen hierbei lediglich Bulgarinnen (35,8 %) und Bulgaren (24,2 %) dar. Auch bei der Implementation von Home-Office und der flexiblen Arbeitszeitgestaltung zeigt sich ein ähnliches Muster. Insgesamt zeigen sich die Befragten mit dem Verhalten ihrer Arbeitgeber während der Coronakrise überwiegend zufrieden bzw. eher zufrieden (Tabelle 5). Der Anteil derer, auf die dies nicht zutrifft, beläuft sich auf einen Prozentsatz zwischen 12,3 % (bei Französinnen und Franzosen) und 18,2 % (bei Rumäninnen und Rumänen). Demzufolge ist in etwa jede sechste bis jede achte Person mit dem Umgang ihres bzw. seines Arbeitgebers unzufrieden. Einige der befragten Personen teilten ihre Erfahrungen zu dem Umgang ihrer Arbeitgeber in den offenen Kommentaren. Ein Franzose, der 2017 nach Berlin gezogen ist, bewertet das Verhalten seines ehemaligen Arbeitgebers folgendermaßen: „Ich bin unzufrieden mit meinem Arbeitgeber (Minijob), der mich einfach von heute auf morgen entlassen hat.“ (Mann aus Frankreich, 26-35 Jahre alt) Ein 2014 nach Berlin zugezogener Befragter aus Italien beschreibt seine Situation folgendermaßen: „Zwar arbeite ich mit derselben Bezeichnung und demselben Gehalt weiter, aber sie haben angefangen, mich zu mobben und wollen unbedingt, dass ich selbst kündige.“ (Mann aus Italien, 26-35 Jahre alt) | 13 Andere Befragte machen positive Anmerkungen zum Umgang ihrer Arbeitgeber mit der Coronakrise, wie beispielsweise eine Frau aus Polen, die seit 2005 in Berlin wohnt und in der Branche der Informatik und Kommunikationstechnologien tätig ist: „Ich arbeite von zu Hause, ich hatte die Möglichkeit, die Computerausrüstung wie Bildschirme, Tastatur und Maus auszuleihen und zu Hause zu benutzen. Mein Vertrag läuft Mitte Juni aus und ich wurde informiert, dass dieser verlängert wird.“ (Frau aus Polen, 2635 Jahre alt). Tabelle 5: Zufriedenheit mit dem Umgang des Arbeitgebers mit der Coronakrise n = 134/132/666/281/93/320. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Staatsangehörigkeit Bulgarisch Unzufrieden Eher unzufrieden Eher zufrieden Zufrieden 8,0 % 6,8 % 38,8 % 46,5 % Französisch 2,8 % 9,5 % 44,1 % 43,6 % Italienisch 6,6 % 11,4 % 38,4 % 43,6 % Polnisch 7,3 % 9,6 % 37,2 % 45,9 % Rumänisch 10,3 % 7,9 % 32,0 % 49,8 % Spanisch 5,6 % 12,2 % 44,4 % 37,8 % Diejenigen, die nicht mehr bei demselben Arbeitgeber wie vor Beginn der Coronakrise tätig waren, wurden zu ihrer aktuellen Situation befragt. Jeweils deutlich mehr als die Hälfte von ihnen gibt an, sich derzeit auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle zu befinden. Weniger als jeder Fünfte hat bereits einen neuen Arbeitsplatz gefunden (Tabelle 6). Tabelle 6: Arbeitssituation nach Arbeitsplatzverlust während der Coronakrise n = 22/19/82/49/23/44. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Arbeitslosigkeit ohne aktive Staatsangehörigkeit Arbeitssuche Bulgarisch 3,1% Arbeitssuche Aufnahme selbstständiger Tätigkeit 73,8% 7,7% 9,3% 6,2% Neue Arbeitsstelle Sonstiges Französisch 11,5% 50,1% - 15,2% 23,2% Italienisch 7,6% 57,4% 2,7% 15,7% 16,7% Polnisch 13,0% 56,2% 6,5% 15,5% 8,7% Rumänisch 11,9% 26,9% 7,5% 29,8% 23,9% Spanisch 3,4% 58,4% 1,7% 19,1% 17,4% Diejenigen, die Anfang März als Selbstständige gearbeitet hatten, wurden gebeten, anzugeben, inwiefern sich ihre Auftragslage im Zuge der Coronakrise verändert hat (Tabelle 7). Die Umfrageergebnisse zeigen, dass nur ein relativ geringer Teil der selbstständigen Zugewanderten von der Coronakrise unberührt bleibt oder sogar profitiert. Bei Selbständigen aus Frankreich trifft dies auf 10,3 %, und damit auf den geringsten Anteil, zu. Etwas besser sieht es für die zugewanderten Selbstständigen aus Spanien (25,8 %) und Polen (25,1 %) aus. Für die große Mehrheit der selbstständigen EU-Bürgerinnen und EU-Bürger in Berlin haben die Auswirkungen der 14 | EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise Coronakrise negativ zu Buche geschlagen. Für ein gutes Drittel (bei spanischen Befragten) bis beinahe zwei Drittel (bei französischen Befragten) hat sich die Auftragslage seit Anfang März erheblich verschlechtert. Für einen weiteren kleineren Teil der Befragten fielen die Veränderungen sogar derart gravierend aus, dass sie sich gezwungen sahen, ihre Tätigkeit aufzugeben. Tabelle 7: Veränderung der Auftragslage von Selbständigen aufgrund der Coronakrise n = 20/35/149/53/13/80. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Staatsangehörigkeit Bulgarisch Französisch Italienisch Polnisch Rumänisch Spanisch notgedrungene Aufgabe der Tätigkeit/ erheblich veretwas nicht verdes Betriebs schlechtert verschlechtert ändert verbessert 23,6 % 14,6 % 30,9 % 30,8 % 8,3 % 62,5 % 18,8 % 6,2 % 4,1 % 7,7 % 46,2 % 25,6 % 11,5 % 9,1 % 9,3 % 47,7 % 17,9 % 20,8 % 4,3 % 25,5 % 44,7 % 8,5 % 21,3 % 17,6 % 34,1 % 22,5 % 20,5 % 5,3 % | 15 4. Veränderung der Lebenssituation und Herausforderungen während der Coronakrise Die Zugewanderten wurden um eine Gesamteinschätzung hinsichtlich der Veränderung ihrer eigenen Lebenssituation durch die Coronakrise gebeten. Die Auswertung der Antworten (Tabelle 8) zeigt, dass der Anteil derer, die die eigene Lebenssituation als deutlich oder eher schlechter bewerten, zwischen 42,9 % (Befragte aus Italien) und 60,5 % (Befragte aus Spanien) variiert. Zu den Nationalitäten, die am häufigsten den Eindruck haben, dass sich ihre Lebenssituation seit dem Ausbruch der Coronakrise verschlechtert hat, gehören zudem auch Befragte aus Rumänien und Bulgarien, von denen fast 60 % ihre Situation als eher oder deutlich schlechter als zuvor bewerten. Etwas mehr als die Hälfte der befragten Zugewanderten aus Italien und Polen bewertet die eigene Lebenssituation als gleich bzw. sogar besser als vor der Coronakrise. Tabelle 8: Veränderung der Lebenssituation durch die Coronakrise n = 304/266/1.194/533/225/578. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Staatsangehörigkeit verbessert kaum/ nicht verändert eher verschlechtert stark verschlechtert Bulgarisch 3,9 % 39,4 % 42,5 % 14,2 % Französisch 5,9 % 42,1 % 36,6 % 15,4 % Italienisch 6,7 % 50,4 % 35,2 % 7,7 % Polnisch 7,2 % 45,2 % 30,9 % 16,7 % Rumänisch 4,9 % 36,1 % 37,5 % 21,5 % Spanisch 3,8 % 35,7 % 40,2 % 20,3 % Differenziert nach Beschäftigungsverhältnis zeigen sich deutliche Unterschiede im Antwortverhalten der Befragten (Abbildung 6). Personen mit einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitoder Teilzeitbeschäftigung beschreiben durchschnittlich seltener eine Verschlechterung ihrer Lebenssituation im Zuge der Coronakrise als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Minijobs, selbstständig Tätige oder Personen in anderen Beschäftigungsverhältnissen. Während etwas mehr als die Hälfte der Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten angibt, dass sich ihre Situation kaum oder nicht verändert bzw. sogar verbessert hat, trifft dies nur auf 35,7 % der selbstständig Tätigen zu. Diese Befragtengruppe berichtet zudem knapp doppelt so häufig wie die Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten über eine starke Verschlechterung ihrer Lebenssituation. Etwa ein Viertel der Selbstständigen und der Befragten, die keiner der genannten Beschäftigungsformen nachgehen, beschreiben ihre Lebenssituation als stark verschlechtert im Vergleich zur Zeit vor der Coronakrise. 16 | EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise Abbildung 6: Veränderung der Lebenssituation nach Beschäftigungsform. n = 1449/382/64/11/356/41. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Darüber hinaus scheint eine Weiterbeschäftigung bei demselben Arbeitgeber während der Coronakrise in Zusammenhang mit einer durchschnittlich höheren Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation zu stehen: Personen, die weiterhin bei demselben Arbeitgeber tätig sind, geben in über der Hälfte der Fälle an, dass sich ihre Lebenssituation kaum oder nicht verändert (51,1 %) bzw. sogar verbessert hat (7,1 %). Nur knapp ein Viertel der Befragten, die nicht mehr bei demselben Arbeitgeber arbeiten, stimmt diesen Aussagen zu (19,7 % bzw. 3,3 %). Hingegen geben über Dreiviertel dieser Befragtengruppe an, dass sich ihre Situation eher verschlechtert (37,8 %) bzw. stark verschlechtert (39,2 %) hat. Für Umfrageteilnehmende hingegen, die bei ihrem Arbeitgeber beschäftigt bleiben, hat sich die eigene Lebenssituation nach ihren Angaben in 33,6 % bzw. 8,1 % eher verschlechtert bzw. stark verschlechtert. Die Pandemiesituation und die aufgrund dieser eingeführten Beschränkungen des öffentlichen Lebens haben einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden aller Menschen. Der fehlende soziale Austausch aber auch Sorgen um die eigene Gesundheit oder die von Angehörigen beschäftigen in diesen Monaten fast jede bzw. jeden. Auch die Bewältigung von Kinderbetreuung bzw. Homeschooling und Arbeit ist für viele zu einer Belastungsprobe geworden. In der Umfrage unter Zugewanderten haben wir uns weniger auf Schwierigkeiten konzentriert, die die gesamte Bevölkerung in den letzten Monaten auf Trab gehalten haben. Stattdessen haben wir einige Aspekte in den Blick genommen, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie für Menschen, die aus dem EU-Ausland nach Berlin zugewandert sind, in erhöhtem | 17 Maße relevant sind (Abbildung 7). Aus den Antworten der Umfrageteilnehmenden lässt sich ableiten, dass diese z. T. den Eindruck haben, dass es ihnen an Wissen in Bezug auf arbeitsrechtliche Fragen, aber auch in Bezug auf den Zugang zu Corona-Hilfsmaßnahmen sowie zu Sozialleistungen im Allgemeinen mangelt. Nach Nationalität betrachtet fällt auf, dass Bulgarinnen und Bulgaren im Schnitt stärker um ihre finanzielle Situation und den Erhalt ihrer Wohnung besorgt sind. Menschen mit rumänischer Staatsangehörigkeit geben zudem häufiger ein unzureichendes soziales Netzwerk als Herausforderung an. Abbildung 7: Herausforderungen während Corona Mittelwerte auf Basis der Skala von 1 (keine Herausforderung) bis 6 (große Herausforderung) n = 143-178/213-222/1002-1027/400-422/124-155/493-509. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor 18 | EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise 5. Wegzugsüberlegungen im Zusammenhang mit der Coronakrise Bereits während der Konzeption der Umfrage war bekannt, dass die Auswirkungen der Coronapandemie auf den Arbeitsmarkt gravierend und Zugewanderte besonders stark von ihnen betroffen sind (Becker et al. 2020). Zudem waren innereuropäische Grenzschließungen eingeführt worden. Es stellte sich die Frage, ob diese Umstände – oder auch weitere Gründe – dazu führen könnten, dass Zugewanderte in Betracht ziehen, Berlin zu verlassen. Dementsprechend wurde der Fragebogen um die Frage ergänzt, ob die Umfrageteilnehmenden während der Coronakrise darüber nachgedacht hatten, Berlin zu verlassen. In der Formulierung wurde bewusst offengehalten, ob bei entsprechenden Überlegungen ein Umzug mit Aufgabe der Wohnung in Berlin oder lediglich ein längerer Aufenthalt (auf unbestimmte Zeit) außerhalb von Berlin in Betracht gezogen wurde. Die zugrunde liegende Annahme war, dass die Befragten – angesichts der Ungewissheit in Bezug auf die zukünftigen Entwicklungen der Pandemiesituation und ihrer Folgen – dazu keine konkreten Angaben machen könnten. Es zeigte sich, dass der Anteil derjenigen, die mit dem Gedanken spielt, Berlin zu verlassen, bei etwa einem Fünftel bis einem Viertel der Befragten liegt: Die Zustimmungswerte variieren zwischen 20,8 % für Zugewanderte mit bulgarischer Staatsbürgerschaft und 27,6 % für jene mit italienischer Staatsbürgerschaft (Abbildung 8). Abbildung 8: Wegzugsüberlegungen im Zuge der Coronakrise Antworten auf die Frage: „Haben Sie im Zuge der Coronakrise darüber nachgedacht, Berlin zu verlassen?“ n = 261/239/1.081/471/200/541. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Bei Zugewanderten aus Bulgarien, Frankreich, Italien, Polen und Rumänien beschäftigen sich die Männer etwas öfter als Frauen mit dem Gedanken, Berlin zu verlassen (+ 6,0/4,5/0,2/1,8/10 Prozentpunkte). Bei Zugewanderten aus Spanien trifft dies hingegen insbesondere auf Frauen zu (+10,9 Prozentpunkte). Aufgeschlüsselt nach Alter lässt sich beobachten, dass jüngere Umfrageteilnehmende einen Wegzug aus Berlin in der Tendenz häufiger in Erwägung ziehen (Abbildung 9). | 19 Abbildung 9: Wegzugsüberlegungen nach Alter 4 Antworten auf die Frage: „Haben Sie im Zuge der Coronakrise darüber nachgedacht, Berlin zu verlassen?“ n = 24/57/96/84/38/122/49/30/79/507/360/135/48/175/167/81/24/85/54/37/ 30/254/211/49. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Es scheint zudem einen Unterschied zu machen, wie lange eine Person bereits in Berlin lebt: Je kürzer der bisherige Aufenthalt ist, desto häufiger die Wegzugsüberlegungen (Abbildung 10). Dies zeigt sich besonders deutlich bei Menschen, die in 2019 oder 2020 aus Bulgarien, Frankreich und Rumänien nach Berlin zugewandert sind: Hier liegt der Abstand zur nächsten Gruppe bei +22,6/21,3/12,2 Prozentpunkten. Aufgrund von niedrigen Fallzahlen (n < 30) in der Alterskategorie „unter 26“ für die Länder Bulgarien und Rumänien wurden die Antworten nicht berücksichtigt und als graue Balken abgebildet. 4 20 | EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise Abbildung 10: Wegzugsüberlegungen nach Ankunftsjahr Antworten auf die Frage: „Haben Sie im Zuge der Coronakrise darüber nachgedacht, Berlin zu verlassen?“ n = 41/125/65/30/36/64/93/46/145/453/322/161/108/180/123/60/11/79/71/37/ 68/240/154/69. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Es zeigt sich zudem, dass Befragte, die nicht mehr über die gleiche Stelle wie vor dem Ausbruch der Coronakrise verfügen, im Durchschnitt häufiger über einen Wegzug aus Berlin nachdenken. Während etwa ein Fünftel (20,9 %) der Personen, die bei demselben Arbeitgeber weiterbeschäftigt sind, einen Wegzug in Erwägung ziehen, machen fast doppelt so viele Befragte (38,5 %), die nicht mehr über die gleiche Arbeitsstelle verfügen, eine entsprechende Angabe. Die Umfrageteilnehmenden, die angegeben haben, dass sie darüber nachdenken, Berlin zu verlassen, wurden im Folgenden gebeten, Auskunft über den Grad der Intensität dieser Wegzugsüberlegungen zu geben (Tabelle 9). Hierbei wird offenbar, dass ein eher kleiner Teil von ihnen die Idee, Berlin zu verlassen, bereits wieder ad acta gelegt hat. Ebenfalls eher selten handelt es sich um einen sicheren Plan. Die Mehrheit der Antworten fällt in den Bereich eines vagen Gedankens und einer Überlegung, deren Bedeutung tendenziell wächst. Dabei zeichnen sich je nach Nationalität unterschiedliche Gewichtungen ab: Während nur 36,9 % der Italienerinnen und Italiener und 37,4 % der Spanierinnen und Spanier ihre Wegzugsüberlegungen als solche einschätzen, die zunehmend an Bedeutung gewinnen oder bereits sicher sind, beläuft sich dieser Anteil bei Bulgarinnen und Bulgaren auf 58,9 % und bei Rumäninnen und Rumänen sogar auf 70 %. Zwar denkt in der Tendenz ein etwas geringerer Anteil von Befragten aus Rumänien und | 21 Bulgarien über einen Wegzug aus Berlin nach (Abbildung 8). Wenn sie dies aber tun, so scheinen sie es ernsthafter als Option zu betrachten als Zugewanderte aus den anderen Herkunftsländern (Tabelle 9). Tabelle 9: Intensität der Wegzugsüberlegungen n = 50/58/299/108/41/146. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Staatsangehörigkeit Bulgarisch Französisch Italienisch Polnisch Rumänisch Spanisch verworfene Überlegung vager Gedanke Überlegung, die zunehmend an Bedeutung gewinnt sicherer Plan 4,0 % 17,7 % 15,3 % 13,7 % 6,0 % 9,0 % 37,1 % 36,8 % 47,8 % 41,9 % 24,1 % 53,6 % 47,7 % 39,2 % 31,1 % 33,2 % 61,7 % 30,3 % 11,2 % 6,4 % 5,8 % 11,3 % 8,3 % 7,1 % Nationalitätenübergreifend erweist sich der Umstand, dass die eigene Familie außerhalb Berlins lebt, als ein wichtiger Aspekt hinsichtlich der Wegzugsüberlegungen. Für Zugewanderte aus Frankreich, Italien, Polen und Spanien ist dies der häufigste genannte Faktor. Für jene aus Bulgarien und Rumänien scheint hingegen die Geldnot der am weitesten verbreitete Grund zu sein, einen Wegzug aus Berlin in Betracht zu ziehen (Tabelle 10). Tabelle 10: Gründe für den Wegzug n = 48/58/295/103/41/147. Mehrfachantwort möglich. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor StaatsangehörigBulgaFranzöRumäkeit risch sisch Italienisch Polnisch nisch Spanisch Familien 45,8 % 55,2 % 54,9 % 58,3 % 36,6 % 60,5 % außerhalb Berlins Erschwerte 39,6 % 34,5 % 30,5 % 36,9 % 41,5 % 33,3 % Arbeitssuche Geldnot 47,9 % 36,2 % 25,8 % 34,0 % 43,9 % 24,5 % Verschlechterung der 20,8 % 25,9 % 20,3 % 23,3 % 31,7 % 19,0 % Arbeitsbedingungen Verlust des 18,8 % 17,2 % 11,5 % 11,7 % 9,8 % 9,5 % Arbeitsplatzes Coronaunabhängige 22,9 % 17,2 % 24,1 % 19,4 % 17,1 % 17,7 % Unzufriedenheit Angst vor 20,8 % 24,1 % 17,3 % 23,3 % 19,5 % 17,7 % Wohnungsverlust Sonstiges 10,4 % 13,8 % 10,2 % 9,7 % 4,9 % 8,8 % Um das Abwägen des Für und Wider im Entscheidungsfindungsprozess zu erfassen, wurden die Umfrageteilnehmenden dazu befragt, welche Faktoren für sie dagegensprechen, aus Berlin 22 | EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise wegzuziehen (Tabelle 11). Insgesamt scheinen arbeitsmarktbezogene Aspekte den größten Ausschlag zu geben: Hier wurde deutlich, dass v. a. für Italienerinnen und Italiener, aber auch für Französinnen und Franzosen und Spanierinnen und Spanier die schlechte Arbeitsmarktsituation andernorts eine Rolle spielt. Auch die Hoffnung darauf, dass sich die Lage auf dem Berliner Arbeitsmarkt in absehbarer Zeit wieder normalisieren wird, ist für Umfrageteilnehmende – hier v. a. für jene aus Bulgarien und Frankreich – ein Argument für ihren Verbleib in der Hauptstadt. Finanzielle Unsicherheit, die mit einem Wegzug aus Berlin verbunden wäre, sowie der Umstand, dass das soziale Umfeld / die Familie in Berlin lebt, halten sich in ihrer Bedeutsamkeit die Waage. Darüber hinaus messen insbesondere Französinnen und Franzosen dem Gefühl der Sicherheit in Berlin Bedeutung bei. Die Zufriedenheit mit dem Berliner Gesundheitssystem stellt hingegen nur für durchschnittlich etwa ein Viertel der Befragten einen Grund gegen den Wegzug aus Berlin dar. Eine untergeordnete Rolle spielt zudem die Identifikation als Berlinerin bzw. als Berliner. Tabelle 11: Gründe wider den Wegzug n = 48/58/295/103/41/147. Mehrfachantwort möglich. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Staatsangehörigkeit Soziales Umfeld Partner*in/ Familie Schlechte Arbeitsmarktsituation anderorts Hoffnung auf Normalisierung der Arbeitsmarktsituation in Berlin Gefühl der Sicherheit in Berlin Finanzielle Unsicherheit Zufriedenheit mit dem Berliner Gesundheitssystem Identifikation als Berliner*in Sonstiges Bulgarisch Französisch Italienisch Polnisch Rumänisch Spanisch 31,3% 44,8% 27,1% 23,3% 17,1% 32,0% 35,4% 43,1% 36,9% 50,5% 31,7% 33,3% 27,1% 53,4% 68,5% 35,0% 29,3% 49,0% 54,2% 55,2% 35,3% 39,8% 31,7% 37,4% 25,0% 70,7% 39,3% 42,7% 24,4% 34,0% 33,3% 31,0% 43,7% 35,9% 22,0% 40,1% 25,0% 24,1% 24,1% 26,2% 24,4% 17,0% 6,3% 8,6% 3,7% 13,6% 7,3% 0,7% 2,1% 8,6% 5,1% 2,9% 7,3% 5,4% Während sich keine nennenswerten geschlechtsbezogenen Unterschiede im Antwortverhalten der Befragten erkennen lassen, zeigen sich bei einer Differenzierung nach Alter bzw. nach Ankunftsjahr Auffälligkeiten mit Blick auf die Gründe für einen Verbleib in Berlin. Hinsichtlich der arbeitsmarktbezogenen Gründe hoffen 55,3 % der Befragten unter 26 Jahren auf eine Normalisierung des Berliner Arbeitsmarkts. Dieser Aspekt scheint hingegen für die Befragten anderer Altersgruppen seltener Bedeutung für ihren Verbleib in Berlin zu haben (38,7 % der 26- bis 35Jährigen, 32,8 % der 36- bis 45-Jährigen, 39,7 %, der über 45-Jährigen). Gleichzeitig gibt nur ein | 23 Fünftel (20,0 %) der Befragten unter 26 Jahren an, dass die mit einem Wegzug aus Berlin verbundene finanzielle Unsicherheit gegen eine solche Entscheidung spricht. Demgegenüber geben die älteren Umfrageteilnehmenden deutlich häufiger an (43,5 %, 40,4 %, 34,2 %), dass dies für ihre Fortzugsüberlegungen eine Rolle spielt. Für jüngere Befragte scheint zudem die als schlecht eingeschätzte Arbeitsmarktsituation andernorts häufiger einen Grund gegen einen Wegzug darzustellen: Über die Hälfte der Befragten der jüngeren drei Altersgruppen benennen diesen Faktor (50,6 %, 56,5 %, 53,0 %) während nur 38,4 % der Personen über 45 Jahren eine entsprechende Angabe machen. Darüber hinaus scheinen die Befragten je nach ihrer Aufenthaltsdauer in Berlin bestimmten Gründen gegen einen Wegzug aus Berlin eine größere bzw. geringere Bedeutung beizumessen (Tabelle 12). So geben 40,9 % der Befragten, die vor 2010 nach Berlin gezogen sind, an, dass ihr soziales Umfeld einen Grund für den Verbleib in Berlin darstellt. Je kürzer die Aufenthaltsdauer der Umfrageteilnehmenden, desto seltener wird dieser Aspekt als Bleibegrund angegeben. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich auch mit Blick auf die Identifikation als Berlinerin bzw. als Berliner, die von schon länger in Berlin lebenden EU-Zugewanderten häufiger angegeben wird, die aber im Vergleich zu anderen Gründen gegen einen Wegzug nur eine untergeordnete Rolle spielt. Auffällig ist zudem, dass die schon länger in Berlin lebenden Befragten deutlich häufiger ihre Zufriedenheit mit dem örtlichen Gesundheitssystem als Aspekt benennen, der aus ihrer Sicht für Berlin spricht: Etwa ein Drittel (34,1 %) der Personen, die vor 2010 nach Berlin gezogen sind, nennt diesen Grund, während dies nur für 15,7 % der in den letzten beiden Jahren zugezogenen EU-Bürgerinnen und -Bürgern eine Rolle spielt. Tabelle 12: Gründe wider den Wegzug nach Ankunftsjahr in Berlin n = 44/280/228/140. Daten nach Geschlecht gewichtet © Minor Ankunftsjahr Soziales Umfeld Partner*in/ Familie Schlechte Arbeitsmarktsituation andersort Hoffnung auf Normalisierung des Arbeitsmarktes Gefühl der Sicherheit in Berlin Finanzielle Unsicherheit Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem Identifikation als Berliner*in Sonstiges 24 | Vor 2010 2010-2015 2016-2018 2019-2020 40,9% 32,1% 29,4% 17,1% 43,2% 37,1% 40,4% 35,7% 40,9% 53,2% 57,5% 48,6% 25,0% 33,9% 39,5% 53,6% 40,9% 37,1% 39,5% 43,6% 43,2% 47,9% 37,3% 21,4% 34,1% 25,0% 22,8% 15,7% 13,6% 6,8% 3,9% 2,1% 9,1% 4,6% 3,5% 7,1% EU-Zugewanderte in Berlin und die Coronakrise Literaturverzeichnis Amt für Statistik Berlin Brandenburg, 2020: Bevölkerungsentwicklung. https://www.statistikberlin-brandenburg.de/statistiken/statistik_sb.asp?sageb=12015&PTyp=700&creg=B&anzwer=6&bok=1&bbok=1 (19.07.2020) Becker, P./ Komitowski, D./ Meiners, S./ Remy, J./ Montero, M., 2020: Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit von Arbeitsmarktkrise besonders stark betroffen. https://www.netzwerkiq.de/foerderprogramm-iq/fachstellen/fachstelle-einwanderung/publikationen/studien/arbeitsmarktintegration-und-corona (20.07.2020) Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Geschlecht der Befragten ........................................................................................ 6 Abbildung 2: Alter der Befragten .................................................................................................. 7 Abbildung 3: Hauptbeschäftigung vor Ausbruch der Coronakrise................................................ 8 Abbildung 4: Beschäftigungsform vor Ausbruch der Coronakrise ................................................ 9 Abbildung 5: Weiterbeschäftigung beim Arbeitgeber ................................................................ 11 Abbildung 7: Herausforderungen während Corona.................................................................... 18 Abbildung 8: Wegzugsüberlegungen im Zuge der Coronakrise .................................................. 19 Abbildung 9: Wegzugsüberlegungen nach Alter ......................................................................... 20 Abbildung 10: Wegzugsüberlegungen nach Ankunftsjahr .......................................................... 21 | 25 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Zuzugsjahr der Befragten ............................................................................................. 6 Tabelle 2: Geschlechterverteilung in der Berliner Bevölkerung ................................................... 7 Tabelle 3: Weiterbeschäftigung beim Arbeitgeber nach Branche .............................................. 12 Tabelle 4: Maßnahmen des Arbeitgebers nach Ausbruch der Coronakrise ............................... 13 Tabelle 5: Zufriedenheit mit dem Umgang des Arbeitgebers mit der Coronakrise .................... 14 Tabelle 6: Arbeitssituation nach Arbeitsplatzverlust während der Coronakrise ........................ 14 Tabelle 7: Veränderung der Auftragslage von Selbständigen aufgrund der Coronakrise .......... 15 Tabelle 8: Veränderung der Lebenssituation durch die Coronakrise.......................................... 16 Tabelle 9: Intensität der Wegzugsüberlegungen ........................................................................ 22 Tabelle 10: Gründe für den Wegzug ........................................................................................... 22 Tabelle 11: Gründe wider den Wegzug ....................................................................................... 23 Tabelle 12: Gründe wider den Wegzug nach Ankunftsjahr in Berlin .......................................... 24 26 | Impressum „Europäisches Berlin“ ist ein Projekt von Alt-Reinickendorf 25 13407 Berlin Tel.: +49 (0)30 457989508 E-Mail: minor@minor-kontor.de www.minor-kontor.de Gefördert von © Minor – Projektkontor für Bildung und Forschung
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