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Über Spottschriften und Karikaturen mit besonderer Beziehung auf das Jahr 1870

Full text: Beiträge zur Kulturgeschichte von Berlin (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

war der satirischen Schärfe die Spitze abgebrochen. Nur 
wenige der verschiedenen deutschen Witzblätter, welche aus 
der, unsere nationale Wiedergeburt vorbereitenden Volks— 
stimmung ihre Nahrung schöpften, haben die entscheidende 
Krisis des Jahres 1870 gesehen oder überdauert. Die von 
Kalisch in den vierziger Jahren herausgegebene „Narhalla“, 
die „Düsseldorfer Monatshefte“, der Stuttgarter „Eulen— 
spiegel“, die „Leuchtkugeln“ u. a. m., sie sind alle längst vom 
Büchermarkte verschwunden. Nur der „Kladderadatsch“ und 
einige seiner Epigonen haben sich gehalten und auch bei diesen 
ist die heutige Bedeutung nicht mehr dieselbe, wie früher. 
Wo ist die gewaltige Herrschaft über die öffentliche Meinung 
geblieben, deren sich der Kladderadatsch zur Konfliktszeit vor 
1866 mit vollem Rechte rühmen durfte! Die Reaktionsperiode 
bon 1849-60 und die darauf folgenden Verfassungsstreitig— 
keiten mit Bismarcks ungestümem Auftreten waren aus— 
gezeichnete Vorbedingungen für die Begründung und das 
Aufblühen eines geistreich redigierten Witzblattes. Es war 
der gegebene Tummelplatz, auf dem sich verhältnismäßig leicht 
Thaten ausführen ließen, welche geradezu befreiend auf die 
Gemüter wirkten. Diese interessante Zeit ist vorbei, das Jahr 
1870 hat nicht nur die Figur des „deutschen Michel“ aus den 
Karikaturen verbannt, sondern die ganze Kleinstaaterei wieder 
zu einem einigen großen Deutschen Reiche umgestaltet, das 
gegenwärtig von einer starken Hand geleitet wird. Wir dürfen 
uns zuversichtlich der Hoffnung hingeben, daß in absehbarer 
Zeit schwerlich sich die politischen Verhältnisse bei uns der— 
artig ändern werden, daß die Spottschriften und Karikaturen 
nochmals so gedeihen können, wie es 1870 möglich war. 
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