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Zweiter Abschnitt. Brief 10-14. Die Berlinerin Dreizehnter Brief. Die Frau im gebildeten Mittelstande - Ihre Arbeitsamkeit - Einfachheit des Lebens - "Verschämte Arbeit" und deren Ertrag - "Taschengeld" - Das ältere und das jüngere Geschlecht - Größerer Luxus im mittlern Kaufmannsstande - Sittliche Lebensführung - Religiöse Stimmungen - Wohlthätigkeit und Heldinnen der "Charitas"

Full text: Soziale Briefe aus Berlin / Leixner von Grünberg, Otto (Public Domain)

„Verschämte Arbeit.“ 
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die andern dagegen bringen, da nur freie Stunden für 
die Ausführung benutzt werden, 30 Pfennige bis höchstens 
lMark tägli ein. 
In einer sehr gebildeten Familie arbeiten die Mutter 
und drei Töchter fast in der genaen Freizeit gestickte 
Einsätze. Der Ertrag eines halben Tahres belief sich auf 
192 Mark 60 Pfennige. Von diesem Gelde bestreitet 
die Frau die Ausgaben für Kleider, Schuhe und Hand— 
schuhe. Anderswo aber wird das so gewonnene Taschen— 
geld für überf“ “een Putz und ür Näschereien ver— 
schwendet — unc ie Einnahmen der armen Näherinnen 
werden durch diesen Wetrtbewerl vernidert. 
In andern Familien werde: Vorzcllangefäße, Thon— 
krüge bemalt, Neujchro- und anderce Karten entworfen, 
Makartsträuße gebunden — oder man versucht es mit 
der Litteratur. Jeder Herausgeber eines Blattes kann 
die Thatsache bestätigen, daß ihm jährlich Dutzende von 
Frauen und Mädchen mit unbrauchbaren Erstlingsver— 
suchen kommen. Die Meisten sagen dann: „Ich bin mit 
einem kleinen Honorar zufrieden, denn ich möchte mir nur 
ein Taschengeld verdienen.“ 
Wird das ehrlich Erworbene für nötige Ausgaben 
verwandt, dann läßt sich gegen diese „verschämte“ Arbeit 
nichts einwenden. Aber nur zu oft arbeiten die Mädchen 
aus Eitelkeit um den Verdienst für irgend ein teures 
Kleidungsstück hinauszuwerfen. Solche junge Damen 
wären unglücklich, wenn ihr Srrie c durch Zufall er— 
führe, daß sie um Geld thätig, sind und manche blickt 
mit Hochmut auf jene Geschlechtsgenossinnen hinunter, 
die ihren ganzen Lebensunterhalt durch bezahlte Arbeit
	        
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