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Zweiter Abschnitt. Brief 10-14. Die Berlinerin Elfter Brief. Eine klare Vorstellung des Lebens der kleinen Leute ist nicht leicht zu gewinnen - Die Frau des Handwerkers - Ausstattung - Wohnung - Die Thätigkeit der "Meisterin" - Gute Seiten der Berlinerin dieser Stände - Geistige Bedürfnisse - Radikale Frauen unter den Kleinbürgern

Full text: Soziale Briefe aus Berlin / Leixner von Grünberg, Otto (Public Domain)

Fleiß der Frauen. 
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mit dem bescheidensten Tagegeld von 1 Mark bis 1.50 
alle Mahlzeiten zu betrejten. Wenn Kinder sich einfin— 
den, genügt der Behe richt oder nur unter 
dem eisernen Dwange r Netrendigkeit. Die Mutter 
hat dann neben dem Zcusol dic Kinder zu besorgen, 
so lange diese die Hilfe nötig haben. Wenn sie sich be— 
wegen können, läßt man ihnen Freiheit, und so krabbeln 
die kleinen Geschöpfe in den meist sonnenlosen und luft— 
armen Höfen umher, freuen sich aber dennoch ihres 
Lebens. 
Der Kinderreichtum ist meist nicht gering, aber er 
nimmt nach meinen Beobachtungen entschieden etwas ab. 
Gewisse Lehren der Molchusianer haben heute ihren Weg 
schon zu den kleinen Or Verlins gefunden und wir 
steuern langsam dem, cindersystem“ zu. Das nebenbei. 
Nur eine Frau kann F eine klare Vorstellung da— 
von machen, was es heißt mit den zwei Armen alles 
selbst zu besorgen: kochen, scheuern, flicken, nähen, Kinder 
warten, waschen und Einkäufe machen. Daneben macht 
die Meisterin auch oft noch Ausgänge zu den Kunden 
oder besorgt den Ankauf der Rohstoffe. Von einer Rast 
am Tage ist keine Rede, dem Lärm der Werkstatt ist 
nicht zu entkemmen, denn die Räume sind dicht bei⸗ 
sammen, und im Winter vermehrt ihn die Kinderschar, 
weil sie weniger hinaus kann. Und so spinnt sich das 
Leben Jahr für Jahr ab, und nur die sommerlichen 
Sonntage bieten zuweilen Abwechslung. Und trotz alle⸗ 
dem: wirklich verbitterten Weibern begegnet man nicht oft. 
Sie haben wenig Zeit, sich der Unzufriedenheit hinzugeben; 
ist die Laune schlecht. dann zanken, sie mit dem Manne, 
o. Leixner, Soziale Briefe. *
	        
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