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Restaurants, Weinstuben und Aehnliches

Full text: Berliner Kinder / Haering, Oskar (Public Domain)

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Unter den Besißern derzahlreichen Weißbierstuben giebt 
es mehr als einen drolligen Kauz, aber leider werden diese 
Originale immer seltener. Wenngleich sie aber auch 
unter den Wirthen allmälig verschwinden oder aus- 
sterben, so findet unter den Gästen sich doch noch mancher, 
ver gerechtfertigten Anspruch auf Originalität hat. So 
habe ich einen Herrn in reiferen Jahren gekannt, der 
fi überall dort einfand, wo eine neue Kneipe von 
einiger Bedeutung eröffnet wurde. Dieser Feier mußte 
er, einem Herzensdrange folgend, unbedingt beiwohnen. 
Da er sehr bekannt und nebenbei ein vortrefflicher, 
lustiger Gesellschafter war, so zog er stets einen ganzen 
Schwarm von Gästen nach sich und war jedem neuen 
Wirth hoc<willfommen. Aber die Medaille hatte eine 
Kehrseite: seine Finanzen waren nämlich keineswegs ge- 
ordnet, und um das gestörte Gleichgewicht im Budget 
herzustellen, legte er in den Kneipen, die er mit eröff- 
nen half, einen Pump an. Wurde er aufgefordert, seine 
Sulden zu bezahlen, so entzog er dem undankbaren 
Wirth seine Kundschaft und half einer anderen, in- 
zwischen neugegründeten Kneipe auf die Strümpfe. 
Ein Anderer hatte die Angewohnheit, möglichst viele 
Wirthschaften zu besuchen, und in Folge dieser Eigen- 
thümlichkeit trank er in allen Kneipen einer Straße sich 
auf der einen Seite derselben hinauf und auf der an- 
deren Seite herunter. Bisweilen überkam ihn eine Art 
moralischer Kaßzenjammer und in solchem Zustand ge- 
lobte er sich: „I< will heute standhaft sein, an allen 
Kneipen vorübergehen und nicht3 trinken.“ Stolz wie 
ein Spanier ließ er auf seinem Wege auch die erste Bier- 
wirthschaft unberührt liegen. Nachdem er aber so sich 
jelbst überwunden hatte, sprac< er: „Dafür, daß ich 
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