Path:
Kleines Volk

Full text: Berliner Kinder / Haering, Oskar (Public Domain)

-- 10 '=- 
monatliche Bezahlung von höchstens vier Mark. Dieser 
verhältnißmäßig niedrige Lohn ist durch den Umstand 
bedingt, daß die Milch aus den Molkereien und Milh- 
fellern meistens geholt und eigentlich nur wenigen Kunden 
in's Haus gebracht wird. In diesem Erwerb3zweig sind 
vielfach kleine Mädchen thätig, weche mit seltenen Aus- 
nahmen in den Bäckereien nicht beschäftigt werden. 
Eine Specialität im Milc<handel, die etwa in der 
achten oder neunten Tagesstunde in Thätigkeit tritt, 
sind die „Bolle'schen Milhjungen“, welche die Fuhr- 
werke der „Provinzialmeierei“ von Bolle begleiten, 
welcher die halbe Stadt mit guter Milch versorgt. Meistens 
sind es ältere, fünfzehn- bis sechzehnjährige Knaben, 
die aus der Schule bereits entlassen sind. Sie tragen 
eine eigenartige Uniform, bestehend in einer Blouse 
aus blauer Leinwand und einer dunkelblauen Tuchmüße 
mit grünem Rand und Kokarde. Zugleich sind sie mit 
einer großen Klingel ausgerüstet, mit welcher sie in 
allen Häusern ein ebenso anhaltendes als unangenehmes 
und überflüssiges Geräusch vollführen, so daß „Bimmel- 
Bolle“ der Schre>en aller Hausbesiker und „Vicewirthe“ 
geworden ist. 
Nach den Bäckern „zweeter Jüte“ rüct das Heer 
der Zeitungsträger an: Knaben, Mädchen, aber auch 
Männer und Weiber -- lettere in der Mundart der 
ReichShauptstadt „Zeitungsfrauen“ genannt. Die Kinder 
tragen fast dur<weg eine geflochtene Tasche umgehängt, 
in welcher die Zeitungen Platz finden. Diese Species 
von Menschen bringt mittelst eines schlechten Gedichtes 
mit Vorliebe ihre Neujahrsgratulation an. 
So lange die Sommersonne warm und freundlich 
scheint und der Tag die Augen früh aufschlägt, ist der
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.