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Kleines Volk

Full text: Berliner Kinder / Haering, Oskar (Public Domain)

GE Ede 
gefecht in Worten, das aber ein schnelles Ende nimmt 
infolge eines geschikten Wurfes mit dem schweren Beutel, 
welcher den „Nauke“ Titulirten mitten auf die Brust 
trifft. Erst geschimpft und dann geworfen zu werden, 
das ist diesem doh zu arg. Zur höchsten Wuth entflammt, 
nimmt er sich nicht die Zeit, genau zu zielen, sondern 
sc<leudert den Beutel mit fur<tbarer Vehemenz nach 
seinem Feind. Doch dieser hat den Angriff vorausgesehen 
und ist dem Wurfgeschoß rechtzeitig ausgewichen, so daß 
der Beutel mit lautem Krach an das nächste Haus fliegt, 
das Bindeband des Säcleins sich löst, und etwa ein 
Dutßend Milc<hbröthen auf das Trottoir kollern. Im 
nächsten Augenbli> haben beide Streiter die Körbe auf 
den Boden gestellt und sind handgemein geworden. Ein 
wildes Ringen beginnt, eine todesmuthige Tapferkeit 
wird auf beiden Seiten entfaltet. Ein Vorübergehender, 
der inzwischen die arg zerdrücten und zerschundenen 
Milchbröthen mitleidig gesammelt und wieder in den 
Beutel geste>t hat, trennt die Kampfhähne mit den Worten: 
„Zungen38, wollt ihr im Augenbli> auseinander!“ Mit 
diesem energischen Wort, zur rechten, Zeit gesprochen, ist 
der Friede hergestellt, und der Angekeiffene dem Weinen 
näher als dem Lachen, entschuldigt und beklagt sich zu- 
gleich mit den Worten: „Er hat mir aber zuerst je- 
schumpfen und denn hat er mir jes<hmissen.“ Nachdem 
beide Jungen die Körbe wieder geschultert haben, trollen 
sie sich nach entgegengesezten Richtungen von dannen, 
aber aus einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten 
drohen sie einander no< einmal mit der Faust. 
Weniger lukrativ als die Besorgung von Frühstück 
ist das Austragen von Mil<. Denn diese Arbeit ge- 
währt Denjenigen, welche zu ihrer Fahne schwören, eine
	        
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