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I. Vormärzliches

Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

Yormärzliches 
Wie auch Jemand die Ereignisse des Jahres 1848 beurtheilen 
mag, unbestreitbar bleibt, daß nie zuvor und nie später politische 
Vorgänge in Deutschland so befruchtend auf Litteratur und Kunst 
gewirkt haben. Wer heut eine der vorhandenen Sammlungen 
durchsieht, kommt nicht aus dem Staunen Über die Fülle von Geist 
und Wiß, von Begeisterung und Haß, welche aus den zahllosen 
großen und kleinen Schriften, Dichtungen, Wißblättern, Gemälden, 
Zeichnungen, ernsten und lustigen Musikstücken jener Monate sprechen. 
Was Jahrzehnte hindurch unter wirthschaftlicher Noth, polizeilichem 
Druck, dem beschämenden Gefühl der Hülf- und Rechtlosigkeit sich 
an Erbitterung und Hoffnung, Luftschlössern und ernsten Plänen 
im Volke aufgespeichert hatte, machte sich damals auf einmal ge- 
waltsam Luft. Je ängstlicher die Censur früher jede freie Meinungs- 
äußerung unterdrüct hatte, je unerfahrener und kindlicher die große 
Menge damals neuen wirthschaftlichen und politischen Erscheinungen 
gegenüberstand, je größer der Nimbus war, mit dem die Fürsten- 
höfe, Beamtenwelt und Militärs sich solange umgeben hatten, um 
so tiefer war der Eindruck, den die ersten unverhüllten Nachrichten 
über die revolutionären Bewegungen machten, um so maßloser die 
Aeußerungen, welche sich daran knüpften! Gewiß ist vieles, was 
während des tollen Jahres entstanden, sehr unreif, ja kindisch. 
Gewiß fehlt es den meisten der damaligen Tagesschriftsteller an 
politischem Bli, an ruhigem Urtheil. Darf man ihnen aber das 
zum Vorwurf machen, wenn man erwägt, welche Unfähigkeit und 
Kopflosigkeit damals auch in den regierenden Kreisen bewiesen 
wurde? Wohin man auch schaut, man erblikt während des Jahres 
1848 nur sonderbarste Widersprüche und Unbegreiflichkeiten auf 
allen Seiten, welche den Namen des „tollen Jahres“ gründlich 
rechtfertigen. 
Die ganze Berliner Bewegung ist nur einigermaßen zu ver- 
stehen, wenn man die politische Kindheit der Bevölkerung, die Un- 
klarheit ihrer Beschwerden und Wünsche ebensowie die Unfähigkeit der 
eingerosteten Beamtenwelt gegenüber neuen :an sie herantretenden 
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