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III. Berliner politische und satirische Zeitschriften

Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

den Choral „Jesus, meine Zuversicht“ anstimmte. Wie die Stim- 
mung der besseren gebildeten Klassen damals war, schildert am besten 
der damalige Professor Rudolph Gneist (Berliner Zustände 
1849, S. 7, 8 u. 9): „Es war eine wunderbare Zeit mit dem 18. März 
angebrochen. Die Wirklichkeit hatte für uns ihr Dasein verloren 
und der Vergangenheit schämten wir uns.“ „Eine Partei wollte 
die Revolution als Thatsache anerkennen und schlug damit den- 
selben geistreichen Weg ein, wie diejenigen, welche jezt die octroyirte 
Verfassung als Thatsache anerkennen. Sie werden hoffentlich auch 
die Sonne am Himmel als Thatsache anerkennen. Eine zweite 
Partei träumte die Barrikadennacht vom 18. März fort und dachte 
sich das Recht, auf „verthierte Söldlinge“ zu schießen, als eine 
perennirende Errungenschaft der Revolution . . . Eine dritte Partei 
dachte sich dabei etwas Aehnliches wie die französische Revolution, 
genauer genommen aber gar nichts. Manche Juristen dachten an 
das Allgemeine Landrecht, nach welchem die Helden des 18. März 
eigentlich 'Hoc<h- und Landesverräther erster Klasse gewesen wären; 
während nun doch jenen Kämpfern hohe Ehren und reichliche Geld- 
unterstüßungen zu Theil werden sollten . . . Als ob es einer An- 
erkennung in sol<em Sinne, nach dem, was vom 18.--22. März hier 
geschehen war, noch bedurft hätte! . . 
„In diesem Sinne ist die Revolution vom 18. März allerdings 
vollständig, und das Bewunderungswürdige daran ist eben jene 
Umwälzung in Köpfen und Herzen, in Gedanken und Empfindungen, 
welche bei uns bewirkt hat, daß auch der verstokteste Bureaukrat 
und Kammerherr auf einmal Grundsätze bekannte und predigte, 
welche er ein Jahr früher nur mit Schaudern angehört hätte. Eine 
Revolution in diesem Sinne, in welchem das Element der 
Fäuste nur eine untergeordnete Rolle spielt, ist nur in Deutschland 
möglich, in dem vorherrs<end idealen Geiste der Nation, und ihre 
Gefahr liegt weniger in der Erneuerung von Barrikaden, als in 
der Unbestimmtheit und Zerstreutheit jener Ideen selbst. I< will 
das persönliche Verdienst jener Kämpfer nicht zurücksezen. Es ist 
recht verdienstlich, seine patriotische Gesinnung in einer Adresse, einer 
Beifall klatschenden Versammlung oder bei einem Festmahl zu be- 
thätigen, -- aber für eine Meinung zu sterben, ist auch 
etwas. Man hat häufig behauptet, daß unter den Gefallenen 
mehrere Dutzend bestrafte Diebe gewesen seien. Geheimräthe waren 
freilich nicht darunter! 
„Wäre jene Behauptung wirklich war, so hat der Tod jene 
Männer ehrlich gemacht. 
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