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Die "Gelehrten" des Kladderadatsch im Verkehr unter einander und im Leben

Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

“WIME 
Er wurde auch manchmal zu Feinschmeckerdieners eingeladen und 
seine Berichte über ihren Verlauf hatten eine nahezu wissenschaftliche 
Färbung. Daß er ein Feinschmecker war, halte ich für unfraglich, 
obwohl der Musikdirektor Truhn, der jedoch nicht immer fremden 
Verdiensten gerecht wurde, e8 in Zweifel stellte.“ =- Auch der hier 
genannte Hironymus Truhn gehörte im Scholz'schen Hause zu den 
Stammgästen an der Geburts8tagstafel. Troß mancher, durch zu- 
nehmende Geldnoth bei ihm mehr und mehr hervortretenden bedenk- 
lichen Eigenschaften war ex ein humoristisches Original-Genie und 
deShalb im geselligen Vekehr immer wohl gelitten. 
Während Scholz nur eine Zeit lang dem Wagner-Kultus 
gehuldigt hatte, zum Theil durch persönliche Beziehungen dahin ge- 
führt, war bei Dohm der Wagner- EnthusiaSmus eine ernste und 
heilige Sache geworden. Seine Parteinahme für Wagner war um 
jo entschiedener, als er selbst nicht musikalisch im gebräuchlichen 
Sinne war und an Wagner wie an eine Offenbarung glaubte. Den 
ersten Antrieb dazu hatte ex wohl während seines Aufenthalts in 
Weimar durch seine Bekanntschaft mit Lißt erhalten. In Berlin 
aber, als er dort wieder seinen dauernden Wohnsik genommen hatte, 
war es besonders die Agitation der Frau von Schleinitz gewesen, die 
ihn gefangen hielt, denn er besuchte die Soireen dieser für solche 
Agitation hervorragend berufenen Dame; er fühlte sich in der neuen 
Sekte im Allerheiligsten ihres Tempels, und wie Alle, die aus unklaren 
Trieben in eine solche Strömung geraten, war auch Dohm darin 
Fanatiker geworden. Einen Widerspruch konnte er in diesem Punkte 
um so weniger ertragen, als er selbst bei der ihm mangelnden musi- 
falis<hen Bildung-mit Gründen nicht zu streiten vermochte. 
ö Er, der seinem Spotte über verkehrte oder ihm nicht zu- 
sagende Richtungen so scharfen und rücksichtslosen Ausdruck geben 
konnte, war in dieser Parteifrage von einem solchen heiligen Ernst 
erfüllt und so empfindlich, daß er auch nicht den harmlosesten Scherz 
gegen Wagner oder seine Anhänger ertragen konnte, und wem ein- 
mal eine solc<e Bemerkung entschlüpft war, dem konnte es Dohm 
niemals verzeihen, er war sein Feind geworden. Auch diese Er- 
scheinung war in Dohms an starken Widersprüchen so reichen Per- 
sönlichkeit eine der stärksten; denn er war sonst allem Kliquenwesen 
im Innersten abhold und ging nicht gern auf Pfaden, auf denen 
er mit Gerechten und Ungerechten sich Freund fühlen sollte. Dabei 
ist es thatsächlich und von Augenzeugen bestätigt worden, daß 
wiederholt Dohm bei einer Wagner-Aufführung, in Weimar wie 
auch in Baireuth, fest eingeschlafen war. An solche Vorkommnisse 
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