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Die "Gelehrten" des Kladderadatsch im Verkehr unter einander und im Leben

Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

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Kultus zugeführt worden und er gehörte zu den Baireuther „Patronen“. 
Aber diese Liebe war bei ihm keine festgegründete; mit den Jahren 
war sein EnthusiaSmus für Wagner einer kühleren Anschauung ge- 
wichen und nur die klassische Musikrihtung bis zu Beethoven blieb 
seine Beschäftigung. 
Eine besondere Liebhaberei -- oder was man in Berlin „Puschel“ 
nennt =- war auch seine Beschäftigung mit der englis<en Sprache 
geworden. Auch hier war e3 oft spaßhaft, wie weit er in der Selbst- 
täushung ging, indem er ein ganz absonderlihes Verständniß des 
Englischen für sich in Anspruch nahm. Selbst mit wirklichen Kennern 
der englis<en Spräche ließ er sich in Streitigkeiten ein und wenn er 
bezügli< der Aussprache sich von seinem Irrthum überzeugen lassen 
mußte, fam er wohl auch zu der Resolution, daß die Engländer selbst 
das Englische nicht richtig sprächen. Aber troß sol<her Züge des sich 
überhebenden DilettantiSmus hatte Alles bei ihm einen drollig liebens- 
würdigen Zug und auch sol<he harmlose Schwächen dienten nur dazu, 
den Verkehr mit ihm zu würzen. Er selber blieb auch den des8halb 
ihm wiederfahrenen Neckereien gegenüber immer gut gelaunt, denn er 
hatte selbst zu viel Humor, um niht auc< den Humor Anderer zu 
shäßen und mit Behagen zu genießen. 
Auch das behagliche „Genießen“ im materiellen Sinne blieb bei 
ihm eine hervorragende Eigens<haft. Denn er war Feinschmecker und 
dabei ein sehr starker Esser. Bei allen seinen Freunden war er be- 
kannt dafür, daß Niemand soviel Kunstfertigkeit besaß, Krebse zu essen. 
Wenn man ihn deshalb bewunderte, war er auch mit einem gewissen 
Selbstgefühl bereit, Andere zu unterrichten. 
Er war nicht nur befreundet mit Bodinus und liebte den ver- 
ständnißvollen Verkehr mit den Thieren im Zoologischen Garten, 
sondern er war auc< bekannt bei den ersten Krebslieferanten 
Berlins, und wenn er bei solchen die lebenden Krehse besichtigte, so 
hatte er auch bald mit jedem einzelnen Krebs persönliche Bekanntschaft 
gemacht. 
Sein erstaunlich guter Appetit und seine Ausdauer im Essen war 
in den Kreisen seines Umgangs allgemein bekannt. Man wußte, daß 
wenn er in eine große Abendgesells<haft ging, er in der Befürchtung, 
das Essen würde erst sehr spät beginnen, sic zuvor möglichst satt aß. 
Einst, als er Abends zum sogenannten „schweren Wagner“ (zuleßt in 
der Behrenstraße) an den Stammtisch kam, an dem unter verschiedenen 
Reichtagsabgeordneten und Anderen auch mehrere Künstler verkehrten, 
wie Scherres, Enc>ke, Otto Lessing u. s. w., erschien Scholz gesellschaft- 
lich gekleidet, indem er von hier in eine große Abendgesellschaft reicher
	        
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