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Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

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Spanne Zeit der Fertigstellung zur Verfügung stand und die 
Arbeitsstätte, das Redaktionszimmer der Druckerei mit dem e3 um- 
gebenden Lärm, nichts weniger als geeignet zur Sammlung der Ge- 
danfen war. Man kann wohl sagen, daß die besten Gedichte, die Dohm 
geschrieben, in der Druckerei entstanden sind. Auch das im vorher- 
gehenden Abschnitte abgedruckte, nach Form und Inhalt klassische 
Gedicht Dohms auf den Tod König Friedrich Wilhelm IV. entstand 
dort und im Zeitraum einer halben Stunde. Er schrieb das 
Gedicht, während der Druckerjunge eine jede einzelne Strophe, 
ein jedes Oktavblätthen mit der noc< nicht getro>neten Schrift ihm 
unter den Fingern fortzog. Und so geschah es des Oefteren. Wäh- 
rend die anderen Mitarbeiter angestrengt die Woche über für den 
Kladderadatsch zu arbeiten pflegten und das Geschaffene am 
Donnerstag, dem Redaktions8tage, zur Stelle brachten, kam Dohm 
meist mit leeren Händen, höchstens mit einigen ihm für den Kladde- 
radatsch eingesandten Artikeln. Was nun aber fehlte oder der 
Ergänzung bedurfte, schrieb er an Ort und Stelle aus dem Steg- 
reif nieder. 
Ein ganz besonderes Verdienst Dohm's für den Kladderadatsch 
aber lag in der Kunst seiner Redaktionsführung. 
Sein feines Verständniß für die jeweilige politische Lage, die 
Kunst der Abwägung des richtigen, der Situation entsprechenden 
Maßes in den Formen von Angriffen und Abwehrungen, ließen 
ihn stets aus dem vorhandenen Stoffe dasjenige wählen, oder -- 
wo es grade fehlte -- selbst schaffen, was am treffendsten der 
herrschenden Stimmung Ausdruk gab. So kam es, daß der 
Kladderadatsch troß seines Festhaltens an dem einmal gesteckten 
Ziele, die lächerlichen und verächtlichen Ausgeburten des öffent- 
lichen und geistigen Lebens zu geißeln, niemal8 nach irgend 
einer Seite hin verlekend wirkte und dadurch sein hohes An- 
sehen bei Freund und Feind gewann. Es ist dies zweifellos 
ein hohes Verdienst Dohm's, wenngleich nicht vergessen werden darf, 
daß ihm dieses Verdienst durch die Qualität seiner Mitarbeiter, die 
selbst in hohem Grade das Verständniß für die hohen Aufgaben 
de8 Blattes besaßen, leicht gemacht worden ist. Ueberhaupt würde 
es dem Wesen dieses eigenartigen Zusammenschaffens durchaus 
widersprechen, wollte man, =- wie Paul Lindau in einem Aufsake 
über Dohm und den Kladderadatsch*) richtig bemerkt =- aus jener 
Summe von Geistesarbeit, die eben „Kladderadatsch“ heißt, die eine 
*) Nord und Süd 1879. 
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