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I. Vormärzliches

Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

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Es wird gesc<eh'n! sobald die Stunde 
Ersehnter Einheit für uns schlägt, 
Ein Fürst den deuts<en Purpur trägt, 
Und Einem Herrschermunde. 
Ein Volk vom Po gehorchet bis zum Sunde; 
Wenn keine Krämerwaage mehr, wie Pfunde, 
Europa's Schicksal wägt. 
Auch Heine hat öfters der deutschen Flotte gedacht. Aber 
ihn beseelt nicht die frohe Zuversicht Herwegh's und Freiligrath's. 
Im Gedicht „Unsere Marine“ macht er sich über die hoffnungs8- 
freudigen Schwärmer lustig. 
„Wir träumten von einer Flotte jüngst, 
Und segelten schon vergnüglich. 
Hinaus auf's balkenlose Meer, 
Der Wind war ganz vorzüglich. 
Wir träumten so schön, wir hatten fast 
Schon eine Seeschlacht gewonnen -- 
Doch als die Morgensonne kam, 
Ist Traum und Flotte zerronnen. 
Die Welt ist rund. Was nüßkt es am End', 
Zu schaukeln auf müßiger Welle! 
Der Weltumsegler kommt zuleßt 
Zurü& auf dieselbe Stelle.“ 
Andere Gegenstände, welche die Lyrik jener Tage öfters 
beschäftigt haben, waren dastraurige LooS vieler deutscher Au8wanderer, 
der AusSbau des Kölner Domes und da38 Elend der schlesischen Weber. 
Ihm haben Freiligrath und Heine zwei ihrer ergreifendsten Lieder 
gewidmet. Das Gedicht des ersteren „Aus dem schlesischen 
Gebirge“ beschränkt sich auf nackte Schilderung des jämmerlichen 
Schisals einer Weberfamilie. Tieftraurig schließt es: 
Ich glaub', sein Vater webt dem Kleinen 
Zum Hunger bald das Leichentuch! 
Heine's Werk ist durc< und durch revolutionär, es dichtet den 
armen schlesischen Webern eine Stimmung an, die ihnen in Wirk- 
lichkeit ganz fehlte: 
Im düstern Auge keine Thräne, 
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne! 
Deutschland, wir weben Dein Leichentuch, 
Wir weben hinein den dreifa<en Fluch = 
Wir weben, wir weben!
	        
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