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Der Kladderadatsch. 1848-1898

Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

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Mit einem „Extra-Blatt“ der Freude hielt am 30. Juli 1849 
Kladderadatsch seinen Einzug wieder in die preußische Hauptstadt, 
wobei er ausrief : 
„Der Belagerungszustand ist aufgehoben! das heißt: 
Kladderadatsch wird in Berlin nicht wieder, sondern ruhig 
weiter erscheinen. Ist er seit acht Monaten auc< nicht in 
Berlin, sondern a u 38 Berlin herausgekommen, so ist er doch 
auch immer wieder hineingekommen, heimlich und verstohlen, 
wie die Liebe, der Geist und das Ungeziefer. Jett aber, 
da die Zeit des Druckes in Berlin vorbei ist, wird der Dru> 
wieder in Berlin beginnen; und von den Wasserflüssen Baby- 
lons ziehen die trauernden Juden de8 Kladderadatsch wieder 
cin in Zions8 königliche Mauern. Und die Völker ziehen ihnen 
entgegen und preisen sie mit Pauken und wohlklingenden 
Cymbeln, und rufen: Allah il Allah! Und von der Hegira 
nach Medina-Neustadt wird man beginnen zu zählen ein neu 
Jahrhundert und eine neue Zeit bis in Ewigkeit, und Kind 
und Kindeskind und die Geschlechter werden sagen: Allah ist 
groß, und sein Prophet ist -- Kladderadatsch.“ 
Nach dem aufregenden Redaktion8- und Geschäftsbetrieb der 
traurigen Verbannungszeit war endlich eine wohlthuende, lang 
ersehnte Nuhe für den Kladderadatsch eingetreten. Dieselbe bedeu- 
tete zwar keinen Frieden, denn das Damoklesschwert der Polizei- 
willfür schwebte natürlich fortwährend über seinem Haupte, aber 
die ewigen Hekjagden hörten doch allmählich auf, die arg Verfolg- 
ten konnten wieder freier athmen und das Blatt, dessen Beliebtheit 
durch die Episode der Verbannung sich in hohem Grade gesteigert 
hatte, trat von nun an ohne gewaltsame Störungen, wie die ex- 
lebten, in das Stadium einer stetigen und kräftigen Fortentwicklung, 
in der lange Zeit keine wesentliche Unterbrechung mehr eintreten 
sollte. 
Kleine Verfolgungen, an denen e8 natürlich nicht fehlte. 
wußte der Kladderadatsch stets in seiner satirischen Laune glücklich 
auszubeuten, wobei er dann immer die Lacher auf seiner Seite 
hatte und an Beliebtheit zunahm. 
So «brachte die Urwählerzeitung die Notiz, daß am 
29. August 1849 die zweite Kammer eine vom Staatsanwalt ge- 
forderte Genehmigung zur Verfolgung de8 Kladderadatsch ver- 
weigerte, wobei sie ihn „mit stiller Verachtung“ zu strafen vorzog. 
Das war natürlich Wasser auf seiner Mühle. 
Den Lorbeer „stiller Verachtung“ auf der Schläfe, erklärte er
	        
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