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Der Kladderadatsch. 1848-1898

Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

geistesSsprühenden Gedanken in dichterischem Schwung ergossen, und 
sich daraus ein poesieverklärtes StimmungsSbild oder Lied gestaltet 
hatte, dann war die entstandene Dichtung stet8 eine vollendet 
schöne. 
Die geist- und humorvollen „Epistolae obscurorum virorum“ 
sind eine köstliche Erfindung Dohms. 
E3 kostete Dohm immer einige Ueberwindung, zur Feder zu 
greifen und seine Berufsarbeit aufzunehmen. Feder und Tinte 
waren ihm Überhaupt sehr verhaßt, wie am handgreiflichsten aus 
einem Gelegenheitsspruche hervorgeht, den er auf wiederholtes, an- 
dauerndes Drängen in den siebziger Jahren einer Leipziger Dame 
in ihr Stammbuch geschrieben hat: 
Von allen Völkern, die die Erd' umfaßt, 
Sind die Phönizier mir von je verhaßt. 
Es melden uns von ihnen alte Kunden, 
Daß diese Gauner- und Gründer-Nation, 
Der Welt zum Schaden und mir zum Hohn, 
Die Kunst des Schreibens erfunden. 
Dohm mußte zum dichterischen Schaffen gedrängt werden; 
dann entstanden in der Regel seine besten Dichtungen, die überall 
einschlugen und den größten Erfolg hatten. 
So war es beim Tode des Königs Friedrich Wilhelm 1V., der 
in der NeujahrSnacht 1860/61 erfolgt war. Nummer 1 des neuen 
Jahrgangs war zum Druc fertig, al8 die Trauerkunde von dem 
Ableben des Monarchen die zur Druckrevision versammelten Ge- 
lehrten des Kladderadatsch traf. Daß das Wikblatt in der vor- 
liegenden Form nicht erscheinen konnte, war allen klar, und der 
erste Gedanke war, die Nummer ganz ausfallen zu lassen. Man 
ließ diesen Gedanken jedoch gleich fallen, denn das richtige Gefühl 
sagte jedem, daß gerade der Kladderadatsch, dem der Dahin- 
geschiedene im Leben immer die wohlwollendsten Sympathien ent- 
gegengebracht, die Ehrenpflicht erfüllen müsse, des hohen Todten in 
einem würdigen Nachruf zu gedenken. 
Da ergriff in der Druckerei Dohm plößlich Papier und Feder, 
und es entstand in kürzester Zeit eine Augenbli>sdichtung, die mächtig 
ergreifend und erhebend zugleich den heimgegangenen König feierte 
und ehrte. 
Dieses eine vollendet schöne Gedicht war der Inhalt der 
ganzen Nummer, die mit Trauerrand, ohne jeglichen JUustrations8- 
s<muck, nur noch mit dem einfachen Titel: 
133
	        
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