Path:
I. Vormärzliches

Full text: Der Kladderadatsch und seine Leute 1848-1898 / Hofmann, Rudolf (Public Domain)

3 + 
da durcheinander. Welcher Spott und Hohn, welche Berzagtheit oder 
Verzweifelung thun sich kund. Wie klagen selbst die friedlichsten und 
loyalsten Geister über Deutschlands Lage im Innern wie nach Außen! 
Gewiß war manche Klage unberechtigt. Wie gewöhnlich über- 
sahen die nicht völlig in die politische Lage Eingeweihten die Dinge 
nicht genügend und machten die Regierungen oft verantwortlich für 
Maßnahmen, die sich später als nüßlich erwiesen haben, oder für 
Unterlassungen, welche eben im Augenblike nicht zu vermeiden 
waren. Bei der damaligen Geheimnißkrämerei und Lichtscheu der 
Beamtenwelt war das eben noch weniger zu verhindern als heute. 
Aber unter den Männern, welche am lautesten während der vierziger 
Jahre ihre Unzufriedenheit kund gaben, waren die besten deutschen 
Dichter, Männer, deren Worte noc< heut jedes Herz höher schlagen 
lassen, Schriftsteller und Gelehrte mit den angesehensten Namen, welche 
mit ihren Herzensergüssen nur des Vaterland8 Wohl bezwecten. Be- 
ruf8mäßige Umstürzler spielten darunter nur eine verschwindende Rolle! 
Die litterarischen Erscheinungen jener Jahre, in welchen sich 
die Mißstimmung Luft machte, waren fast durchweg in vornehmem 
Ton gehalten.. Auch die bittersten Satiren wenden sich nur selten 
gegen einzelne Persönlichkeiten und üben mehr Kritik an den all- 
gemeinen nationalen Schwächen als an einzelnen Vorgängen. 
Bezeichnend für die Stimmung im Anfang der vierziger Jahre 
ist die kleine Schrift „Der deutsche Michel“ (Leipzig 1843). Vor 
einem Bilderladen stehend erläutert der anonyme Verfasser eine 
Karrikatur, welche den dien deutschen Michel darstellt, wie er mit 
einem Schloß vorm Mund am Boden liegt. Franzosen und Russen 
zerren an ihm, ein lendenlahmer Edelmann läßt ihm zur Ader, ein 
englischer Bulldogg zieht ihm den Geldbeutel aus der Tasche. 
Metternich al8 Nachtwächter mit großen Hausschlüsseln sieht zu. In 
wenigen, aber drastischen Worten wird dabei das Träumen des mit 
Kartoffeln und Salz genährten Deutschen von Mittelalter, Minne- 
sängern 2c.; die Geldverschleuderung für Klöster, Kasernen, Heiden- 
bekehrungen, Jerusalem, Walhalla, Kölner Dom; die Freundschaft 
für Polen und andere Feinde des Vaterlands gegeißelt. Michel sei, 
heißt es mit bitterem Spott, weiter als andere Bölker; wenn ihm 
Engländer, Franzosen, Chinesen, Hottentotten, Kalmücken vorwürfen, 
er habe fein Vaterland, so könne er „tolz und verächtlich“ erwidern: 
mehr wie ihr, nämlich 36! -- Die Abneigung der adligen Kreise gegen 
eine Verfassung, die Bevorzugung des Adels, die Knebelung der 
öffentlichen Meinung werden ebenfalls mit bissigen Bemerkungen 
und Anekdoten gestreift. 
yy
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.