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Anhang. Zur Charakteristik von Marx' Unterricht

Full text: Aus Adolf Bernhard Marx' litterarischem Nachlass / Selle, Gustav F. (Public Domain)

dann aber auch ein Verkennen dessen, was Originalität, ja was 
Kunst ist. Originalität liegt nicht in einzelnen Momenten, sondern 
liegt — im Menschen. Goethe spricht so ungesucht, dass es scheint, 
als könnten es Hans und Grete auf dem Dorfe auch so, und doch 
— Welche wahre Originalität! Insofern der Mensch aber Indivi- 
duum ist, kann er sich zur Originalität erziehen und dazu erzogen 
werden, und sein Werk wird den Stempel der Originalität tragen.“ 
War Marx beim Unterrichte immer von anregender Frische, 
so steigerte sich seine unmittelbare Einwirkung auf den Schüler 
noch, wenn es sich um Durchnahme klassischer Werke: handelte. 
Unvergesslich ist mir, wie er, als ich ihm zum ersten Male 
Bachsche Fugen aus dem, wohltemperierten Klavier vorzuspielen 
hatte, dieselben gleichsam mit mir durchlebte. Neben mir stehend, 
sang er, um den rechten Ausdruck zu zeigen, einzelne Stellen mit, 
hier und da auch Worte unterlegend; z. B. sang er in der E-dur- 
Fuge (II. T. des wohltemperierten Kl.) zu der in den letzten drei 
Takten sich herabsenkenden Oberstimme die Worte: „In ganz ge- 
weihter sel’zer Ruh‘ und in der G-moll-Fuge (I. T. des wohltemp. 
Kl.) zum letzten Motiv (a b ce b a b) des Themas die Worte: 
„Bald hinab in das Grab.‘ — Wie vorteilhaft Rob. Schumann 
über das urteilt, was Marx lange vor jener Zeit über Bach ge- 
schrieben, ist nachzulesen in seinem (Schumanns) Briefe v. 31. Jan. 
1840 an Keferstein in Jena. — Marx hatte das Genie des Fleisses. 
Bei einem Besuche, den ich ihm, auf der Durchreise begriffen, in 
den ersten sechziger Jahren an einem heissen Sommertage machte, 
fand ich ihn eifrig bei der Arbeit. Er sagte mir, dass er seit 
morgens 4 Uhr arbeite, und ein Schubfach seines Schreibtisches 
öffnend, zeigte er auf eine grosse Zahl druckfertiger Bogen. Als 
ich seine Arbeitskraft bewunderte, erwiderte er: Ich habe meine 
Jugend vernünftig verlebt; das belohnt sich im Alter und nicht 
nur mit Geld. Als ich meinen Beethoven schrieb, kam ich jedoch 
fast dem Tode nah. Ich habe das Werk in acht Wochen ge- 
schrieben. Das würde ich gar niemand sagen dürfen mit dem 
Anspruch, Glauben zu finden, wenn ich nicht Zeugen hätte. Es 
ging von morgens 4 Uhr bis abends 7 Uhr. Freilich hatte ich, 
als ich begann, keine Studien mehr zu machen.‘“ Bei diesem Be- 
suche war es auch, wo er gelegentlich unseres Gespräches über 
meine Verlobung und bevorstehende Verheiratung in köstlichen 
Worten seine ideale Auffassung des Herzensbundes zwischen Mann 
und Weib aussprach. Ich fühlte wohl, dass seine Worte auch der- 
jenigen galten, die das Glück seines Lebens war. seiner Therese. 
Unter den Briefen, die ich von ihm aufbewahre, ist einer von ihrer 
Hand geschrieben, — denn seine Augen, die immer fleissigen, 
waren zuletzt dunkel geworden, 
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