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Anhang. Zur Charakteristik von Marx' Unterricht

Full text: Aus Adolf Bernhard Marx' litterarischem Nachlass / Selle, Gustav F. (Public Domain)

Marx war es zur zweiten Natur geworden, in seinem Unter- 
richte stets zu veranschaulichen, und zwar nicht nur durch schnell 
hingeschriebene extemporierte Beispiele in Noten, sondern auch 
durch Hinweis auf bezügliche Stellen aus Meisterwerken, insbe- 
sondere aber durch Bilder und Vergleiche, :die ihm stets 
ungesucht zu Gebote standen, und die er nicht zurückzudrängen 
vermochte. Bei seiner fliessenden Ausdrucksweise waren dieselben 
nicht zeitraubend, wohl aber immer die Sache beleuchtend. Über 
das Verhältnis von Harmonie und Melodie in polyphonen Sätzen 
z. F. äusserte er sich einmal so: „Manche Musiker sind so ver- 
kehrt äuf die Welt gekommen, dass sie immer nur Harmonie bilden 
wollen; nein, Melodie ist das erste; werden die Stimmen melodisch 
richtig und natürlich geführt, so ergiebt sich die Harmonie von 
selbst. Harmonie ist in der Musik nur das, was in der Skulptur 
die Gruppe ist.. Dass die Figuren einer Gruppe sich umarmen 
oder sich schlagen, damit ist noch wenig erreicht: wie die einzelnen 
Gestalten individualisiert sind, darauf kommt es an.“ Gelegent- 
lich der Besprechung von Quinten-Parallelen sagte er: „Werden Sie, 
wenn Sie sich an der Schönheit eines Mädchenantlitzes erfreuen 
wollen, die Lupe nehmen, um die Unebenheiten der Haut zu 
suchen? Werden Sie, um sich an J. S. Bach zu erquicken, die 
Quinten aufsuchen, die sich bei ihm finden?“ — Derartige Be- 
merkungen machte er, indem er gleichzeitig schnell schreibend 
weiter komponierte, oder indem der neben ihm sitzende Schüler 
zur Weiterführung der Komposition die Feder ergreifen musste. 
Da war ihm ein sich gerade besonders ergiebig zeigendes 
Motiv „ein Heckpfennig“. „Es macht uns immer reicher.“ — 
Wurde im Durchführungsteile einer Komposition zu lange bei 
Nebenmotiven verweilt, so rief er wohl: „Frühstücken Sie nicht 
zu lange; das Diner, unser Thema, ist die Hauptmahlzeit.‘“ — 
Das Fugenthema und seine Verkehrung verglich er mit Tag und 
Nacht: „In der Nacht ist es dieselbe Erde, auf der wir wohnen, 
und doch erscheint auf ihr alles anders als‘ am Tage. Die Ver- 
kehrung bringt dieselben Schritte wie das Thema, nur nach der 
anderen Seite hin, und dieses erscheint dadurch in einem anderen 
Lichte.‘ Gelegentlich einer Korrektur, die den Rhythmus des 
betreffenden Satzes ausdrucksvoller gestaltete, bemerkte er: .,Ich 
will Ihnen jetzt etwas sehr Wichtiges sagen. Es ist nicht von 
mir, sondern von Spontini, der allerdings ein sehr bedeutender 
Musiker war. Als in einer Probe eine Sängerin eine Stelle nicht 
gut vortrug, sagte er: „Ah, Sie nicht. sind in Feuer von der 
Musik. Muss so sein, da da dam, da da dam u. S. w.. So 
trommelte Spontini gleichsam die Musik vor. Gute Musik : muss 
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