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II. Zur Musikgeschichte

Full text: Aus Adolf Bernhard Marx' litterarischem Nachlass / Selle, Gustav F. (Public Domain)

keit. Sie hängt sich an alles — an Naturerscheinungen, Personen, 
Ideen — und erstreckt sich auf alles, auch auf das Element 
der Tonkunst. Bei allen Naturvölkern finden wir: 
1. Lauschen auf Naturtöne, die als Offenbarung des Natur- 
geistes, der Gottheit, der Zukunft (der göttlichen Bestimmung) ver- 
standen werden: Säuseln in heiligen Bäumen; Säuseln in den 
Eichen zu Dodona; die Luftstimmen auf Ceylon. 
2. Sagen von zaubergewaltigem Gesange: die Zauberlieder 
der nordischen, der orientalischen Völker;*) die wundergleichen 
Gesänge des Orpheus, der Tiere, und des Amphion, der Steine 
bewegte. 
3. Die Sagen von Erfindung der Musik: bei den Indiern: 
der Brama, Saraswati (die Göttin der Sprache), Nared (der Sohn 
der Saraswati), Erfinder der Vina; bei den Chinesen: Lien-Lü, bei 
den Hebräern Jubal, bei den Griechen Apoll, Merkur, Pan. — 
Hierher gehören auch 
4. jene unbestimmten Anfänge, die -sich bei allen 
Völkern finden, ohne Folge, ohne sichtbaren Zusammenhang, ohne 
Individualisierung, z. B. ‘das Schlacht- und Klagegeschrei; der 
Schlachtruf der alten Deutschen, durch die vorgehaltenen Schilde 
dumpfer und grauenvoller. So auch 
5. wirkliche Lieder ohne bestimmten Urheber. — Herodot 
findet ein dem Linus zugeschriebenes Lied schon in Ägypten als 
Trauerlied. um einen Königssohn; die Hebräer kennen dasselbe 
unter demselben Namen; hebräische Gesänge sind angeblich in 
die katholische Kirche übergegangen. Sichern Grund und Ursprung 
zu finden, ist in allen diesen Fällen unmöglich. 
Wir fühlen hier uns allerdings im Bereiche des Wirklichen, 
aber noch Unsichergestellten. 
Mehr oder weniger gehört hierher auch der Volksgesang, 
nämlich der wirkliche, aus dem Volke selbst — man weiss nicht, 
aus welchem Munde zuerst — hervorgegangene. Allerdings geht 
derselbe durch alle Perioden neben der wirklichen Kunstent- 
wickelung fort, wie eben auch neben Offenbarung und Wissenschaft 
die Sage... Aber der‘ Ursprung bezeichnet sich jedenfalls als 
mythisch, indem noch nicht einmal der erste Schritt zur 
*) Die Indier erzählen, dass in alter Zeit Lieder den Winter in Frühling, 
Regen in Sonnenschein verwandelt, Regen aus den Wolken, Feuer vom Himmel 
herab beschworen hätten. 
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