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4. Genua

Full text: Sängerreise der Berliner Liedertafel nach Italien (Public Domain)

einen Ehrentrunk dar. Es war schwerer, goldig glänzender 
Wein vom eigenen Gewächs, und wahrlich, nicht vom schlechten. 
Der Hausmeister sprach das Bedauern des greisen Besitzers 
aus, dass es ihm wegen seines sehr hohen Alters und Seines 
kranken Zustandes leider nicht gestattet sei, die deutschen 
Sänger aus der Reichshauptstadt persönlich begrüssen zu.können; 
man möge sein Fernbleiben freundlichst entschuldigen. Darauf 
nahm der stellvertretende. Vorsitzende der „Berliner Liedertafel“ 
das Wort, um den Empfindungen der Liedertäfler über diese 
feinsinnige, ehrenvolle, liebenswürdige Gastfreundschaft gerade 
an dieser Stelle herzlichen Ausdruck zu verleihen und dem 
Besitzer ein kräftiges, musikalisches „Hoch“ auszubringen. Dann 
sammelte sich der Verein auf der Schlossterrasse und stimmte 
dort Beethovens wunderbaren Chor an: „Die Himmel rühmen 
des Ewigen Ehre“. Mächtig brausten die gewaltigen Akkorde 
daher. Oft schon hat die „Liedertafel“ an diesem oder jenem 
schönen Orte ein Lied erklingen lassen, in solcher Umgebung, 
bei solchem Ausblick noch nie. Die wunderbare Natur rings- 
umher wirkte sichtlich auf die Sänger; wie Orgelklang rauschte 
es hinab über das Meer: „Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen 
die Meere! Vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort!“ .Der 
greise Besitzer des Schlosses hatte von seinem Krankenlager 
den hehren Klängen gelauscht und entsandte seinen Vertreter, 
um dem Verein den Dank auszusprechen, dass er es ihm er- 
möglicht. habe, sich hier an den Klängen deutscher. Musik 
zu erfreuen. — Noch ein rascher Blick über den Meerbusen 
von Genua; noch einmal hinausgeschaut in die ins Unendliche 
verschwimmende blaue Ferne; noch ein letzter, bewundernder 
Gruss zu den blühenden Gärten am Schlosse; dann schieden 
wir dankerfüllten Herzens gegen den edlen Besitzer von dieser 
schönen, gastlichen Stätte. 
Wir hatten erst hier einen Begriff bekommen von dem 
Frühling Italiens, wie ihn der Dichter besingt: 
Stolzgipflige Bergeslinien, 
Wildwasser in hallender Schlucht; 
Breitästige, schwankende Pinien 
An schimmernder Meeresbucht! 
Ss 9 
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