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2. Von Berlin bis Mailand

Full text: Sängerreise der Berliner Liedertafel nach Italien (Public Domain)

Immer höher keucht die Lokomotive die Berge hinan. Bald 
an schwindelnden‘ Abgründen vorüber, zahlreiche Tunnels 
durchschmneidend; weite. Schleifen und Bogen müssen zu- 
rückgelegt werden, um nach und nach die Höhe zu gewin- 
nen.‘ Die Sonne fängt an,‘ mehr und mehr zu sinken, die 
Schatten der Bäume und der Berge werden immer länger. Aber 
wie schön sind sie auch in der Beleuchtung der Abendsonne! 
Welche wunderbaren Lichtreflexe bieten die Schnee- und Eis- 
regionen den staunenden. Blicken! Es ist ganz unmöglich, all 
den einzelnen Bildern und Eindrücken zu folgen; man muss 
sie erlebt haben, solche Fahrt über den Brenner bei herrlichstem 
Wetter und geradezu märchenhafter Beleuchtung im Kreise 
lieber Freunde und Brüder, die‘ alle von‘ :gleichem Empfinden 
beseelt sind. Endlich: Station Brenner! Eilfertig hastete alles 
aus den Waggons. Winterlandschaft überall, der Boden mit 
dichter Schneedecke überzogen. Einige Übermütige begannen 
alsbald ein lustiges Werfen mit Schneebällen; die Wurfgeschosse 
sausten hierhin und dorthin. Mancher Treffer war zu verzeich- 
nen, und der Getroffene brauchte für Spott nicht zu sorgen. 
Andere beeilten sich, schnell einige Ansichtskarten zu erwerben, 
um sie dem geduldigen Briefkasten anzuvertrauen, und den 
Lieben daheim einen Reisegruss gerade vom Brenner zukom- 
men zu lassen. Nach wenigen Minuten erscholl das Abfahrts- 
zeichen, und nun ging es wieder abwärts, dem Reiseziele immer 
näher und näher. Inzwischen schwebte die Dämmerung her- 
nieder. Die Sonne war bereits hinter den. Bergriesen ver- 
schwunden; nur die höchsten Gipfel wurden noch von letzten 
Strahlen getroffen und erhoben leuchtend ihre zackigen Spitzen 
in die wunderbar klare und reine Luft; in den Thälern aber 
graute der Abend und wob seine magischen Schleier dichter 
und dichter, die schönen Fernsichten neidisch verhüllend. 
Endlich waren auch die letzten Lichtwirkungen verschwunden; 
doch noch immer standen die Reisegerährten an den Fenstern 
und schauten hinaus in die sinkende Nacht, bis schliesslich 
auch der Dauerhafteste seinen Platz aufsuchte, um sich für 
die zweite Nachtfahrt zu rüsten. In Bozen. erkannte das
	        
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