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7. Neapel

Full text: Sängerreise der Berliner Liedertafel nach Italien (Public Domain)

würde, wenn es uns gelänge, ihn zu disciplinieren, zu begeistern und 
zu nähren mit einer Menge erlesener Musik, wie jene Herren aus Berlin, 
unter denen Advokaten, Eigentümer, Ingenieure und vielleicht Notare und 
Militärs ihn gesammelt und erzogen haben, aber in Ermangelung der 
romanischen Lebhaftigkeit welches Mass, welche Kraft, welche Anmut, 
welche Tonfülle und Coloratur! 
Es giebt Augenblicke, wo die Verschmelzung der Stimmen der har- 
monischen, majestätischen Kraft der Orgel gleicht: in dem Trauerliede 
Bruchs auf die bei Thermopylae Gefallenen habe ich oft gemeint, es 
wären Harmonieen jenes wunderbaren Instruments. 
Bei solchen Leistungen, bei so vorbildlicher Schulung und herr- 
lichen Verschmelzung der Stimmen kann man sich den grossartigen und 
gerechten Erfolg von gestern erklären, — auch wenn nicht .noch das 
Gefühl der Dankbarkeit hinzukäme für Herren, die zur Wohlthätigkeit 
unserer Stadt beitragen; wie könnte man nicht die Lorbeerzweige und 
die der Liedertafel gewidmeten Adresse gutheissen! 
Um nicht zurückzustehen, hat der höfliche Berliner Verein dem 
Maestro Rossomandi, der vortrefflich das Scherzo im bekannten 
Sommernachtstraum von Mendelssohn und die Ouverture zur Phaedra 
von Massenet und den Einzug in die Walhalla von Wagner und zuletzt 
das Stück aus dem „Tannhäuser“ dirigierte, einen sehr kostbaren Kranz 
gewidmet. Und von jenem Geschenk und dem Beifall, den jene Herren 
ihm spendeten, zeigte sich Rossomandi tief gerührt. 
In die Chorgesänge wurde der Gesang der Frau Herzog, der ersten 
Sopranistin des Kaiserlichen Theaters in Berlin, gefügt. Die sehr be- 
rühmte Sängerin trug die Arie der Agathe im Freischütz und dann das 
Lied der Zerline im Don Juan und die Arie Cherubinos in der Hochzeit 
des Figaro vor. Und auch für sie kamen die Beifallsbezeugungen reichlich, 
und schliesslich musste sie das Stück aus der Hochzeit wiederholen. 
Frau Herzog ist eine sehr schätzbare Künstlerin; sie singt mit vor- 
bildlicher Präcision, hat eine kräftige, umfangreiche Stimme und zwar so, 
dass ihre hohen Töne klarer und voller klingen, als ich es bei den etwas 
dunklen, tiefen Tönen bemerkt habe. Aber sie singt sehr schön, ein 
wenig auf deutsche Art, wenn man will, mit gleichmässiger Färbung, so 
dass sie den Takt nicht dem Gefühl zu Liebe ändert — aber mit Sicherheit 
und mit Beachtung des Textes, was für uns auch ein vortreffliches Vor- 
bild sein könnte, 
Werden wir eine Liedertafel haben? Werden wir so bereitwillige 
Schüler haben, solche Chorsänger voll Hingebung und Einsicht, solche 
Lehrer, die von leidenschaftlicher Liebe zur Musik ergriffen sind und 
Industrielle, die es nicht für thöricht halten, wenn sie eine Stunde am 
Tage dem Zauber der Kunst widmen, die sie den Büchern, dem Zirkel, 
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