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7. Neapel

Full text: Sängerreise der Berliner Liedertafel nach Italien (Public Domain)

Gässchen ab, so schmal, dass kein Wagen hindurch kann, ja, 
dass man kaum zu Zweien und Dreien nebeneinander her- 
schreiten kann... Von. Fenster. zu. Fenster ziehen‘ sich‘ die 
Leinen mit unendlich vielen Wäschestücken behängt, die der 
Wind lustig hin und her schaukelt. Ach, und was für Wäsche 
giebt es da zu schauen! Wir bezweifeln, dass es eine deutsche 
Hausfrau giebt, die solche Wäschereste besitzt, geschweige 
denn sie dem Auge des Beschauers preisgeben würde. — 
Endlich, endlich näherten wir uns dem Quai. Das Meer war 
noch recht bewegt. Donnernd brachen sich die Wogen an 
den Umfassungsmauern, und wenn man nicht acht gab, konnte 
man leicht einen tüchtigen Spritzer abbekommen. Frisch und 
kühl wehte die Luft vom Meere herein, und mit Wohlbehagen 
ergingen' wir uns am Strande. Inzwischen ging die Sonne 
unter. Glühend rot färbte sie die Wolken im fernen Westen 
über dem Meereshorizont. Wir hofften daher auf einen darauf- 
folgenden schönen Tag. Dann verloschen die Gluten, und die 
Dämmerung brach herein. Als wir um eine Strassenecke 
bogen, wandten sich unsere Augen plötzlich nach links, und 
wie aus einem Munde riefen wir: Der Vesuv! Da lag er vor 
uns mit seinen beiden Riesenkegeln und der charakteristischen 
Einsenkung. Und während eben die letzten Strahlen der Sonne 
verblasst waren, begannen die Lavamassen dort oben ihr 
seltsames Glühen und Leuchten. Erst noch etwas blass und 
matt, dann aber immer lebhafter, immer prächtiger. Wer das 
eigentümliche Bild einmal geschaut hat, vergisst es nie wieder; 
ist es‘ doch auch wohl einzig in seiner Art. Lange standen 
wir und schauten hinauf. Am lebhaftesten glühte und lohte 
es zwischen den beiden Kuppen, da dort der Hauptkrater 
thätig ist... Aber‘ auch‘ vom‘ höchsten - Gipfel- zieht‘ sich‘ ein 
feuriger Faden, einem brennenden Flusse gleich, herunter. 
Kaum konnte man sich von diesem Bilde, wohl dem eigen- 
artigsten der Reise, trennen. — Noch wanderte man ein 
Stückchen vorwärts. Der Stadtteil „Santa Lucia“, am Meere 
gelegen, wurde noch berührt; dann wurden die Restaurants, 
besonders die vorzügliche „Gambrinushalle“ aufgesucht, um 
= 199 =
	        
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