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Dreizehnte Abteilung. Berlin unter der Regierung Wilhelms I.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

762 Die Eisenbahnverstaatlichung. — Der Dreibund. 
gesamten Gardekorps, der außer anderen Fürstlichkeiten auch der russische 
Kaiser beiwohnte, bildete den Beschluß des schönen Festes. 
Die Reichstagsverhandlungen nahmen im Jahre 1879 das höchste Interesse 
der Berliner in Anspruch. Fürst Bismarck hatte es verstanden, das Centrum 
für seine neue Wirtschaftspolitik zu gewinnen. Eine aus Mitgliedern des 
Centrums und der konservativen Partei sich zusammensetzende Mehrheit nahm 
die Finanz- und Wirtschaftsreform betreffenden Vorlagen der Regierung 
an. Derselben Parteigruppierung verdankte ein neues, die Gewerbefreiheit 
beschränkendes Gewerbegesetz seine Annahme. Auch im preußischen Abgeordneten— 
hause hatte Bismarck mit den Nationalliberalen, die seine Politik seit der 
Begründung des Reiches stets unterstützt hatten, gebrochen. Die Minister 
Falk, Friedenthal und vorher schon Camphausen waren aus dem Ministerium 
ausgeschieden, um konservativen Männern Platz zu machen. Bei den Neu— 
wahlen zum Abgeordnetenhause im Jahre 1879 wurden die Nationalliberalen 
so geschwächt, daß keine liberale Mehrheit mehr vorhanden war, während die 
Regierung bald mit einer konservativ-ultramontanen, bald mit einer aus 
Konservativen und Nationalliberalen gebildeten Mehrheit rechnen konnte. Durch 
die Vereinigung der letzteren beiden Parteien wurde die Eisenbahnverstaatlichung 
in die Wege geleitet. Vier große Privateisenbahnen, darunter die Potsdam— 
Magdeburger und die Anhalter, erwarb der Staat; andere folgten bald nach, 
so daß in kurzer Zeit der Staat fast sämtliche Bahnen in der Hand hatte 
und durch die großen dadurch erzielten Ueberschüsse seine in den letzten Jahren 
geschwächten Finanzen kräftig zu heben vermochte. Alle diese Regierungs— 
maßregeln waren den Berlinern, die treu zu ihren fortschrittlichen Abgeord— 
neten standen, ein Anlaß zur Unzufriedenheit; um so freudiger stimmten sie 
der äußeren Politik des Reichskanzlers zu. Am 7. Oktober 1879 schloß dieser 
ein Schutzbündnis zwischen dem deutschen Reiche und Oesterreich-Ungarn, dem 
Italien später ebenfalls beitrat. Der Zweibund und später der Dreibund 
sollte ein Gegengewicht gegen die unnatürliche Verbindung Frankreichs mit 
Rußland bieten, von dem namentlich das erstere in seiner Revanchesucht für 
Sedan häufig die Befürchtung eines europäischen Krieges erweckte. Die 
Kriegsgefahr ging aber dank der Staatskunst des bewährten Steuermannes, 
der das Staatsschiff durch alle es bedrohenden Klippen leitete, an dem Reiche 
vorüber, und der greise Kaiser konnte seine letzten Lebensjahre in Frieden 
mit allen Völkern verleben. Er verwandte die ihm gegönnten Friedensjahre 
zu unausgesetzter Arbeit für das Wohl seiner Unterthanen, namentlich der 
nicht durch Glücksgüter gesegneten Arbeiter. Seiner Anregung verdanken 
Gesetze wie das Krankenkassengesetz und das Unfallversicherungsgesetz ihre 
Entstehung, die den Anfang der Sozialreform bildeten und später ihren 
Abschluß durch die Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetze fanden. 
Die politischen Parteiverhältnisse in Berlin hatten mittlerweile eine 
Aenderung erlitten. Nicht wie früher standen sich nur die konservative und 
die fortschrittliche Partei gegenüber; es hatten sich noch andere Parteien ge— 
bildet, die sozialdemokratische, die wir bereits erwähnt haben, und der es 
nach und nach gelang, in Berlin festen Boden zu gewinnen, die aber bei 
den Landtagswahlen des indirekten und öffentlichen Wahlverfahrens halber 
sich von Partei wegen der Teilnahme enthielt; und eine andere Partei, die 
antisemitische, die, begründet von dem Hofprediger Stöcker, die Bekämpfung
	        
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