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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

710 Die Verlegung der Nationalversammlung. 
den Beschlüssen der Volksvertretung Geltung zu verschaffen. Zahlreiche 
Plakate, welche von den verschiedensten Korporationen und Vereinen aus— 
gingen, bezeugten dies. 
Hochbedeutungsvoll war die Stellung, welche die Bürgerwehr der 
Nationalversammlung gegenüber einnehmen sollte. Die Kompagnien ver— 
sammelten sich in ihren Bezirken, und fast einstimmig beschlossen sie überall, 
mit Gut und Blut für die Beschlüsse der Volksvertretung einzustehen. Das 
Staatsministerium hatte durch den Polizeipräsidenten von Bardeleben das 
Bürgerwehrkommando auffordern lassen, die Sitzungen der Nationalver— 
sammlung dadurch zu verhindern, daß es den Sitzungssaal besetzen ließe und 
den Abgeordneten den Zutritt dazu durch aufgestellte Wachen unmöglich 
machte. Der Major Rimpler lehnte dies in einem mit Zustimmung der 
Majore der Bürgerwehr verfaßten Schreiben ab, in dem er sagte: Der 
wesentliche Beruf der Bürgerwehr sei es, die verfassungsmäßige Freiheit und 
die gesetzliche Ordnung zu schützen; in der Verlegung der Nationalversamm— 
lung nach Brandenburg aber und in der Vertagung derselben könne die 
Bürgerwehr nur eine Gefährdung der durch Gesetz und königliches Versprechen 
dem preußischen Volke gewährleisteten Rechte und Freiheiten erblicken, sie 
müsse daher für sich die Aufgabe erkennen, für diese Freiheit, nicht gegen 
dieselbe einzutreten; auch könne das Bürgerwehrkommando aus dem Bürger— 
wehrgesetz für den Minister des Innern kein Recht, die Requisition der Bürger— 
wehr durch eine königliche Behörde anzubefehlen, ersehen. Das Kommando 
bedaure hiernach, der Requisition nicht entsprechen zu können und verwahre 
sich ausdrücklich gegen jede gesetzwidrige Verwendung militärischer Kräfte zur 
Beschränkung der Versammlungs- und Beratungsfreiheit der Nationalver— 
sammlung. 
Am frühen Morgen des 10. November bot die Stadt ein Bild des be— 
wegtesten Lebens dar. Alle Straßen waren gefüllt mit Menschen, welche 
hier und dort in kleinen Gruppen stehen bleibend, sich die Ereignisse der ver— 
gangenen Nacht erzählten. Besonders lebhaft war es auf dem Gendarmen— 
markt vor dem Schauspielhause. Dorthin strömte das Volk, um die Nach— 
richten von den Beschlüssen seiner Vertreter, auf die es jetzt in Furcht und 
Hoffnung die Augen gerichtet hatte, aus erster Hand zu erhalten. Das 
Schauspielhaus war mit einer Kette von Bürgerwehr umgeben. Die Bezirke 
hatten schon am frühen Morgen Appell gehabt. Es war der Bürgerwehr 
mitgeteilt worden, der Präsident der Nationalversammlung, Herr von Unruh, 
habe sich mit Entschiedenheit dahin ausgesprochen, die Bürgerwehr dürfe, auch 
wenn gegen die Nationalversammlung durch die Militärgewalt ein Angriff 
erfolgen sollte, diesen durchaus nicht mit Waffengewalt zurückweisen, sie sei 
nur zum „passiven Widerstande“ berechtigt. Das Wort „passiver Wider— 
stand“ war plötzlich hineingeschleudert in das zur That entschlossene Volk von 
Berlin. Welche Erfolge hatte es? Die radikale Demokratie lachte darüber. 
Der Kladderadatsch übersetzte später den passiven Widerstand in aktive Feig— 
heit. Die Arbeiter meinten, der aktive Widerstand werde sich schon von selbst 
finden. Herr von Unruh könne natürlich nicht direkt zur Revolution auf— 
fordern, die werde sich aber wohl machen, wenn das Militär komme. Und 
das Gleiche glaubten die Führer der Demokratie, sie bereiteten sich zum 
Kampfe noch energischer als an den Tagen vorher vor.
	        
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