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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Die Witzblätter. — Die Katzenmusiken. 
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Spitze stand der Schriftsteller Arthur Müller, der das neue Witzblatt heraus— 
gab. Es zeichnete sich durch die Schärfe und Bissigkeit, mit der es schonungs— 
los alle Gegner der Demokratie angriff, aus. Es verschmähte nicht, selbst 
in die intimsten Privatverhältnisse einzudringen, um seine Gegner an den 
Pranger zu stellen. 
Nächst der ewigen Lampe zog der „Kladderadatsch“ die Aufmerksamkeit 
der Berliner schnell auf sich. Er nannte sich Organ für und von Bummlern. 
Die jüdischen Gelehrten des Kladderadatsch gaben diesem eine ganz eigen— 
tümliche, das Volk von Berlin sehr ansprechende Färbung. 
Auch ein drittes Witzblatt, der „Berliner Krakehler“, brachte oft aus— 
gezeichnete humoristische Gedichte. Es fand ebenfalls viele Abnehmer. Weniger 
gut gelang es dem alten, bewährten Humoristen Adolph Glasbrenner in seinen 
freien Blättern den Ton der Neuzeit zu treffen. Die ewige Lampe bemerkte 
boshaft, die freien Blätter müßten den Namen: „Witzfreie Blätter“ führen. 
Diese Kritik war ungerecht, denn Glasbrenner hatte keineswegs seinen alten, 
guten Humor verloren, aber die Berliner verlangten im Frühling des 
Jahres 1848 eine schärfere Geisteskost. Neben den genannten waren noch 
einige andere Witzblätter entstanden, welche aber als Eintagsfliegen der 
Nennung nicht wert sind. Sie verschwanden schnell wieder. 
Auch in anderer Weise machte sich der Berliner Witz bemerklich. Es 
hatte sich seit dem Sonntag, dem 21., in Berlin nach dem Vorbilde von 
Wien und Breslau ein Katzenmusikkorps gebildet, welches allabendlich bis 
in die tiefe Nacht hinein durch die Straßen der Residenz zog, um mißliebigen 
Personen ein Ständchen zu bringen. Es waren diese Katzenmusiken ohne 
alle politische Bedeutung, denn die Musiker waren mit ihrer Erteilung so 
verschwenderisch, daß sie diese sowohl einem beim Volk in Ungnade gefallenen 
Minister als einem Kaufmann brachten, der seinen Laden nicht zur rechten 
Zeit schloß, wie seine Ladendiener es wünschten. Jeden Abend wurden sechs 
bis acht Katzenmusiken gebracht und zwar den verschiedensten Personen, am 
reichlichsten begabt wurden Herr Aschoff, die Minister Camphausen, Schwerin 
und Hansemann, die Redaktion der Vossischen Zeitung, der Polizeipräsident 
Minutoli und, der Schauspieler Louis Schneider, welch letzterer ganz be— 
sonders den Haß des Volkes auf sich geladen hatte, weil er seinen Einfluß 
als Unteroffizier der Landwehr bei vielen Landwehrmännern aufgeboten, um 
diese gegen die übrige Bevölkerung Berlins zu erregen. 
Der ärgste Skandal fand am 26. Mai statt. Eine Katzenmusik war 
gegen Abend auf dem Gendarmenmarkt gebracht worden, aber sogleich er— 
tönte das Signalhorn, und die Bürgerwehr der nächsten Bezirke trat unter 
die Waffen. Unter den Linden und in der Friedrichstraße kam es zu einem 
Zusammentreffen zwischen Bürgerwehr und Volk, bei welchem einige nicht 
unbedeutende Verwundungen durch Kolbenstöße und Bajonettstiche abfielen. 
Wütend, im höchsten Grade aufgeregt, zerstreuten sich die Volkshaufen, 
sammelten sich indessen sogleich wieder und zogen vor das Haus des 
Generals Aschoff, dem sie die Hauptschuld an dem gewaltsamen Einschreiten 
der Bürgerwehr beilegten, um diesen zum Abdanken zu bewegen. Vor dem 
Hause des Generals Aschoff blieb der Volkshaufen mehrere Stunden tobend 
und schreiend stehen, ohne indessen zu irgend einem Resultate zu gelangen.
	        
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