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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

6927 Stadtverordnetenwahl. — Der lange Kuß. 
sie begnügte sich damit, Ausschreitungen zu verhindern. Dem Demagogen 
Held gelang es durch eine glänzende Rede, in der er zur Ruhe mahnte, die 
Volkshaufen zum Auseinandergehen zu bewegen. 
Am Sonnabend, den 13. Mai, herrschte in Berlin eine gleiche Aufregung 
wie am Tage zuvor. Die Plakate an den Straßenecken, welche Proteste 
gegen die Zurückberufung des Prinzen enthielten, mehrten sich. Sie kamen 
von allen Seiten, von einzelnen, von Vereinen, von der Studentenschaft und 
von der Bürgerwehr. Sie hatten keinen Erfolg, das Ministerium blieb fest. 
Die Rückkehr des Prinzen, der damals noch in England weilte, wurde zwar 
um vierzehn Tage hinausgeschoben, aber daß sie ganz verhindert wurde, 
konnte nicht einmal durch einen 40,000 bis 50,000 Mann starken Volkshaufen, 
der am Nachmittage des 14. Mai von den Zelten aus vor das Ministerhotel 
des Grafen Schwerin zog, erreicht werden. Die Festigkeit, welche die Regierung 
bei dieser Gelegenheit zeigte, und die Niederlage, welche die vergebliche 
Demoustration der Demokratie gebracht hatte, ließ sofort die Konservativen 
ihre Häupter höher erheben. Es wurde der Preußenverein gegründet, der 
mit der seit dem 18. März etwas in Mißkredit gekommenen Devise: „Mit 
Gott für König und Vaterland“ alle konservativen Elemente um sich sammelte 
und von der Regierung natürlich mit Freuden begrüßt und unterstützt wurde. 
Die Stimmung der Berliner Bürgerschaft war überhaupt schon recht 
umgeschlagen, hauptsächlich der Fehler wegen, welche die Führer der Demo— 
kraten begangen hatten. Davon zeugte die Stadtverordneten-Versammlung 
lebhaft. Die alten Stadtverordneten hatten ihr Mandat niedergelegt, um 
der Bürgerschaft Gelegenheit zu geben, Männer des Vertrauens zn wählen. 
Sie führten nur vorläufig die Geschäfte fort. Die Neuwahl fand statt. Sie 
hatte ein höchst unerwartetes Resultat. Von den 102 Stadtverordneten 
wurden nur 31 wieder gewählt, und unter diesen waren gerade die Männer 
nicht, welche bisher in der Versammlung die demokratische Richtung mit Mut 
und Erfolg vertreten hatten. Julius Berends, Nauwerk u. a. waren bei der 
Wahl durchgefallen. Die Regierung that natürlich alles, was in ihren 
Kräften stand, um diese Stimmung der Bürgerschaft sich zu erhalten. 
Am 16. Mai kam der König aus Potsdam nach Berlin und empfing 
die Majore und Hauptleute der Bürgerwehr im Schlosse. Der Empfang 
war ein äußerst freundlicher und schloß damit, daß Friedrich Wilhelm den 
General Aschoff sogar umarmte und küßte. Dieser königliche Kuß machte 
Aufsehen in Berlin, am Tage darauf erschien in einem Witzblatt, dem 
Berliner Krakehler, ein witziges Lied vom langen Kuß, welches in der Stadt 
große Verbreitung fand und viel belacht wurde. 
Der Berliner Witz machte sich überhaupt in dieser Zeit wieder recht 
scharf und schneidig geltend. Eine Reihe von neuen Witzblättern war ent— 
standen, deren einzelne Nummern auf den Straßen von den fliegenden Buch— 
händlern ausgeboten und viel verkauft wurden. 
Zuerst erschien „Die ewige Lampe“. Das Blatt hatte seinen Namen 
von einem dunklen, räucherigen Lokal in der Neumannsgafse erhalten, welches 
die ewige Lampe genannt wurde, weil zu jeder Tages- und Nachtzeit dort 
durstige Seelen Eingang fanden, um in dem dunklen Lokal bei Lampenschein 
Bier zu trinken. Das Lokal der ewigen Lampe wurde von einer geistreichen 
Gesellschaft, die sich dort zusammengefunden hatte, viel besucht. An ihrer
	        
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