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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Die Beerdigung der Gefallenen. 
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manchen Seiten vorgeschlagen worden war, die Leichen der gefallenen Bürger 
mit denen der gefallenen Soldaten gemeinschaftlich beerdigt werden sollten. 
Das Beerdigungskomitee erließ in diesem Sinne eine Proklamation, die aber 
bei dem größten Teile des Berliner Volkes einen Sturm der Entrüstung 
hervorrief. Die Erinnerung an den Kampf war noch zu frisch, als daß der 
Haß gegen die Soldaten sich hätte besänftigen können. Wenn Bürger und 
Soldaten die Gefallenen Arm in Arm zu Grabe geleiten sollten, dann mußte 
vorher doch das Militär nach Berlin zurückkehren, und davon wollten die 
Berliner damals noch nichts wissen. Deputationen verschiedener Versamm— 
lungen trafen auf dem Schlosse ein, um teils für, teils gegen dies gemein— 
same Begräbnis sich bei den Ministern zu verwenden. Die letztere Ansicht 
gewann endlich die Ueberhand; die Militärbehörden erklärten selbst, daß sie 
eine gemeinsame Beerdigung nicht wünschten, und lösten hierdurch jeden Zweifel. 
Die Leichen der Gefallenen waren schon vom Schlosse, aus den ver— 
schiedenen Kirchen und Privathäusern nach der neuen Kirche auf dem Gen— 
darmenmarkt gebracht worden. Die bei weitem größte Zahl wurde von 
Freunden oder Verwandten rekognosziert, 33 aber kannte niemand. In der 
Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde auf der großen Freitreppe ein 
riesenhafter Trauerkatafalk aufgebaut, der die Särge aufnehmen sollte. Am 
Morgen des Mittwoch wurden diese, 183 an der Zahl, auf den Trauerkatafalk 
gebracht und dort reihenweise aufgestellt; man bemerkte unter ihnen auch 
5 Särge, in denen Frauen ruhten und 2 mit Knaben. 
Eine tiefe Stille herrschte, obgleich viele Tausend Menschen auf dem 
Gendarmenmarkt sich versammelt hatten, als das Musitkorps den Choral, 
„Jesus, meine Zuversicht“ ertönen ließ. Nachdem drei Geistliche, ein Protestant, 
der Prediger Sydow, ein Katholik, der Kaplan Rulandt, und ein Jude, der 
Rabbiner Sachs, ergreifende Worte an das Volk gerichtet hatten, setzte sich 
unter dem Läuten der Glocken von allen Kirchen Berlins der ungeheuere 
Leichenzug gegen 2 Uhr nachmittags in Bewegung. Er nahm den Weg über 
die Charlottenstraße, die Linden, den Schloßplatz beim Schloß vorbei und 
dann die Königsstraße entlang. Die Ordnung des Zuges war folgende: Ein 
Trauermusikkorps schritt voran, dem die Mitglieder der Berliner Schützengilde 
und die Abordnungen anderer Schützengilden wie die aus Halle, Halberstadt, 
Magdeburg, Braunschweig, Luckenwalde und Potsdam folgten. Dann kam 
der Assessor Wache als Trauermarschall, diesem folgte der Bezirksvorsteher 
Drewitz, welcher ein Kissen von Atlas mit folgender Inschrift trug: „Den 
gefallenen Helden des 18. und 19. März 1848 die Frauen und Jungfrauen 
des Neuen Markt-Bezirks.“ 15 junge Mädchen, deren jede ein weißes Atlas— 
kissen mit einem grünen Kranze trug, folgten nun. Dann die 183 Särge 
in langer Reihe. Je sechs Männer trugen einen Sarg, meistens Freunde 
oder Gewerksgenossen des Gebliebenen. Die Särge wurden in einzelnen 
Abteilungen getragen, je nach den Gewerken, denen die Toten angehörten; 
die Gewerke fselbst mit ihren Fahnen folgten diesen Abteilungen. Der Stadt 
oerordnete Gleich schloß den Zug der Särge, ihm folgte die gesamte Geist— 
lichkeit Berlins mit den leidtragenden Hinterbliebenen der Gefallenen; der 
Bischof Neander und der Prediger Sydow als Grabredner gingen voran. 
Den Geistlichen folgte die Universität im vollen Ornate, an deren Spitze 
der Rektor und Alexander von Humboldt, dann kamen die sämtlichen
	        
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