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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Blinder Lärm. 
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Zeitungen sind natürlich für den herrlichen Kampf begeistert. Die Vossische 
Zeitung ließ ein Extrablatt der Freude erscheinen! Die anderen Zeitungen 
jubelten ebenfalls, alle waren voll seliger Freiheitshoffnungen für die Zukunft, 
alle berichteten wunderbar abenteuerliche Schilderungen der Kämpfe des 
18. März. Neben den Kampferzählungen finden wir in den Zeitungen jener 
Tage eine Reihe von recht verworrenen und unklaren Vorschlägen für die 
Reformen, die auf das schleunigste ins Leben gerufen werden müßten. Alle 
die Politiker, welche bis zum 18. März nur gewagt hatten, in der stillen 
Studierstube grimmig die Fäuste in der Tasche zu ballen, traten jetzt plötzlich 
an das Tageslicht, und jeder von ihnen glaubte sich berufen, das Licht seiner 
Weisheit leuchten zu lassen. Es war keine Gefahr mehr dabei. Die Zeitungs— 
halle und die Vossische Zeitung waren es vorzüglich, welche den neu er— 
standenen Politikern dienten, um ihre Ratschläge für die Zukunft zu ver— 
öffentlichen. Unter der großen Zahl derer, die mit ihren Volksbeglückungs— 
plänen damals an die Oeffentlichkeit traten, wollen wir nur Rudolph 
Schramm, den später begeisterten Agenten des Ministeriums Bismarck, Cre— 
linger, der nachher Präsident des konstitutionellen Klubs wurde, Dr. Küttge, 
später eine der vorzüglichsten litterarischen Stützen der konservativen Partei, 
nennen. Auch der Assessor Georg Jung warnte vor dem Ruf der Aengst— 
lichen nach Ruhe und Ordnung und forderte die sofortige Berufung einer 
Nationalversammlung. 
Der 20. März war in merkwürdiger Ruhe und Ordnung vorüberge— 
gangen. Der Abend dieses Tages aber brachte noch eine Scene unbeschreib— 
licher Aufregung. Als schon die Lichter in den Fenstern der zur Feier der 
Revolution abermals illuminierten Häuser zu erlöschen begannen, und die 
Bewohner sich eben zur Ruhe niederlegen wollten, ertönte plötzlich der Ruf: 
„Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ durch alle Straßen, jener Ruf, der vom 
18. März her noch in schrecklicher Erinnerung war. Aus den Häusern stürzten 
die Bürger, jeder bewaffnet, so gut es eben ging, nur wenige mit Gewehren, 
die meisten mit Aexten, Piken und manchen anderen nicht übermäßig gefähr— 
lichen Mordwerkzeugen. Bürgerpatrouillen zogen durch die Stadt, reitende 
Boten jagten nach' den Thoren. Was war eigentlich geschehen? Niemand 
wußte es, aber die abenteuerlichsten Gerüchte liefen um. „Die Russen 
kommen, sie sind schon am Schönhauser Thor“, hieß es in einer, „der Prinz 
von Preußen rückt mit einer Armee in das Hallesche Thor ein“, in einer 
anderen Gegend der Stadt. Beide gleich unsinnige Gerüchte fanden doch 
Glauben. Man fing wieder an, Barrikaden zu bauen; die Bürgerwehr 
sammelte sich, aber ganz so vollzählig wie am Tage war sie nicht. Die 
Barrikaden ftanden da, und die Verteidiger waren bereit, den Feind zu 
empfangen. Der aber ließ sich nicht blicken. Die Bürgerpatrouillen, welche 
vor die Thore geschickt worden waren, kehrten zurück und meldeten, nirgends 
könne man eine Spur weder vom Prinzen von Preußen und seiner Armee 
noch von den Russen entdecken. Auch von dem Schlosse her kam die Nachricht, 
der König sei persönlich auf der Schloßwache erschienen und habe sein Wort 
gegeben, daß gar nichts zu besorgen sei. Aehnliche Versicherungen wurden 
auch von dem Polizeipräsidenten erteilt. Reitende Boten jagten abermals 
durch die Stadt und trugen die Nachricht herum, es sei nichts, die Bürger 
möchten nur nach Haus und zu Bette gehen.
	        
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