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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Der Rückzug der Truppen. 
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den Kampf fortzusetzen. Diese Ansicht des Oberbefehlshabers hatte den Be— 
fehl zum Stillstand an die Truppen zur Folge. Seitdem aber waren manche 
nicht eben günstige Nachrichten im Schlosse eingetroffen. Die Soldaten waren 
vom langen Kampf erschöpft, während die Bürger am Morgen des 19. mit 
frischer Kraft an die Barrikaden geeilt waren, vorläufig freilich, ohne im 
Kampf fortzufahren, da sie nicht angegriffen wurden, aber doch bereit, in 
jedem Augenblick von neuem die Waffen zu führen. 
Es gab heftige Debatten unter den Ministern und Generalen; die 
zroße Mehrzahl erklärte, daß nur das Zurückziehen der Truppen zum schnellen 
Frieden führen könnte, während andere Offiziere den Kampf energisch fort— 
geführt sehen wollten. Endlich wurde mit Genehmigung des Königs der 
Beschluß gefaßt, die Truppen sollten langsam zurückgezogen werden, das 
Schloß, das Zeughaus und andere öffentliche Gebäude aber militärisch besetzt 
bleiben. Dieser Beschluß des Königs wurde von ihm persönlich auch einer 
gerade im Schlosse anwesenden Anzahl von Bürgern mitgeteilt. Unter diesen 
befanden sich der Bürgermeister Naunyn, der Stadtrat Duncker, der Bezirks— 
vorsteher Vollmer und der frühere Polizist Dr. Stieber, der sich in der letzten 
Zeit durch Verteidigung der von der Regierung verfolgten Demagogen einen 
Namen gemacht hatte. Wir wollen die weiteren Vorgänge den mehrerwähnten 
militärischen Berichterstatter erzählen lassen: „Nach dem Gespräche mit jenen 
Bürgern hatte sich der König mit den beiden Ministern von Bodelschwingh 
und Graf von Arnim in sein Kabinett zurückgezogen. Bald nachher erschien 
Herr von Bodelschwingh allein und erklärte: „Da man begonnen habe, die 
Barrikaden zu räumen, und versprochen, damit fortzufahren, und die Ordnung 
aufrecht zu erhalten, so befehle Se. Majestät der König, daß die 
Truppen von den Straßen und Plätzen zurückgezogen würden.“ 
Eine hohe Person unterbrach den Minister mit den Worten: Schloß, Zeug— 
haus, Schloßplatz, Lustgarten müßten doch besetzt bleiben; Herr von Bodel— 
schwingh aber erwiderte; die Ausdrücke Sr. Majestät seien bestimmt gewesen 
„von Straßen und Plätzen“. Ein Mitglied der Deputation schlug vor, man 
möge erklären, von den Straßen und öffentlichen Plätzen, unter letzteren 
wären Schloßplatz und Lustgarten nicht verstanden. Minister von Bodel— 
schwingh rief jedoch in aufgeregtem, heftigem Tone, an einem königlichen 
Wort dürfe nicht gedeutelt werden, es sei der letzte Befehl, den er als Be— 
amter brächte u. s. w. Einige Mitglieder der Deputation riefen: Nun nur 
rasch die Stabsoffiziere bestimmen, welche zu den Truppen reiten, denn unseren 
Worten allein wird nicht geglaubt; andere äußerten Bedenken über die völlige 
Entfernung der Truppen. Der kurz vorher eingetretene General von Pritt— 
witz erklärte bestimmt, daß bei dem augenblicklichen Zustande der Straßen 
ein allmähliches, schritt und bedingungsweises Zurückgehen der Truppen un— 
ausführbar, das Verschwinden derselben von Straßen und Plätzen ganz un— 
möglich sei. Er erklärte weiter, daß, wenn dieses Verschwinden eintreten solle, 
nur übrig bleibe, die fremden Truppen nach den Kantonnierungen, die ein— 
heimischen nach den Kasernen abrücken zu lassen. Damit gehe aber sofort 
die Verbindung der einzelnen Truppenteile, nicht allein unter sich, sondern 
auch mit dem Befehlshaber verloren, Schloß und Zeughaus könnten nicht 
mehr unterstützt werden, und die Truppen sähen sich mit gebundenen Händen 
dem Geagner überliefert. Auch dieser Erklärung setzte der Minister den be—
	        
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