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Zweite Abteilung. Berlin im 15. Jahrhundert

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Der Stadtadel und die Gewerke. 
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Geschlechter möglichst erblich zu machen. Der Stadtadel war schon seit 
langer Zeit bestrebt gewesen, seine Herrschaft über die Bürgerschaft zu er— 
weitern, aber der Unabhängigkeitssinn der Zunftgenossen hatte ihm dies bis— 
her sehr erschwert. Streitigkeiten, welche über die Verwaltung zwischen den 
Schwesterstädten entstanden waren, gaben Veranlassung zu einem Vergleiche, 
hei welchem Deputierte der Städte Brandenburg und Frantfurt als Ver— 
mittler auftraten; in demselben wurde 1432 bestimmt, daß Bürgermeister 
iud Ratmannen den künftigen Rat wählen sollten, und zwar für Berlin 
zwei Bürgermeister, zehn Ratmannen und vier Schöffen, für Cölu einen 
Bürgermeister, fünf Ratmannen und drei Schöffen, welche auf dem Tãthause 
auf der langen Brücke die gemeinschaftliche Verwaltung beider Städte 
führen sollten. 
Der Rat war durch den Vertrag vom Jahre 1432 ein vollständig von 
der Bürgerschaft unabhängiges Kollegium geworden. Hatten die Viergewerke 
früher bei der Wahl einen bedeutenden Einfluß geübt, so wurden sie jetzt 
mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt, denn der Einfluß der Ge— 
schlechter war im Rat, der sich ja selbst ergänzte und dessen Mitglieder auf 
Lebeuszeit gewählt wurden, stets der überwiegende. 
Es konnte nicht fehlen, daß sich bald, sowohl in der gemeinen Bürger— 
schaft, als auch bei den Zunftgenossen ein großer Mißmut über die wachsende 
Macht und den wachsenden Uebermut der Geschlechter zeigte. So lange die 
Städte im fortwährenden Kampfe gegen den Landadel begriffen gewesen 
waren, hatte die gemeinschaftliche Gefahr zur Ausgleichung des inneren 
Zwistes gedient; auch nach der Besiegung der Quitzows und ihrer Genossen 
— Wohlstand der Städte, der es dem Rate er— 
laubte, den Gemeindebesitz bedentend zu vermehren, dazu beigetragen, die 
Unzufriedenheit der Bürgerschaft zu beschwichtigen; für die Dauer aber war 
dies doch nicht möglich, denn zu grell trat das Mißverhältnis der ver— 
schiedenen Stände gegeneinander hervor. Alle Macht und aller Einfluß auf 
die städtische Verwaltung gingen offenbar nach und nach auf die Geschlechter 
uͤber, die Viergewerke wurden wenig, die gemeinen Bürger gar nicht mehr 
beachtet, diese hatten fast keine größere Geltung als die Incolen. 
Das war ein Zustand, kaum zu ertragen, denn die alten Berliner 
waren nicht gerade geduldig und phlegmatisch; sie griffen, wenn sie ihr 
gjutes Recht gekräntt glaubten, leicht zur scharfen Waffe, um es zu ver— 
teidigen, und setzten der Gewalt die Gewalt entgegen. In den Trinkstuben 
der Viergewerke wurde allabendlich laut und lebhaft gestritten, da fielen 
manche böse Worte gegen den Rat und dessen Willkürherrschaft, gegen die 
Geschlechter, welche so stolz geworden seien, daß sie mit Verachtung auf die 
Zunftgenossen niederschauten. Wären die Viergewerke nur mit der gemeinen 
Bürgerschaft einig gewesen, dann hätten sie leicht das unbequeme Adels⸗ 
regiment abschütteln können, dies aber war nicht der Fall, sie dünkten sich 
etwas Besseres zu sein als die nicht zünftigen Bürger, und wenn sie auch 
unzufrieden waren über die Anmaßungen der Geschlechter, wenn sie auch diesen 
gern das Regiment aus der Hand winden wollten, so dachten sie doch dabei 
zur auf ihren eigenen Vorteil, nicht an den des ganzen Volkes. 
Dazu kam, daß die alte Eifersucht zwischen Berlin und Cöln aufs 
geue wacht war. Die aus Cöln glaubten sich fortwährend zurückgesetzt
	        
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