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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

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Das Verhalten des Militärs. 
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Leichen und Verwundeten, die in meinem Vorzimmer lagen, in die Zimmer 
meiner Wohnung zurück und beschworen mich, den wütenden Soldaten be 
schwichtigend entgegenzutreten, daß diese sich mit Verhaftung der Wehrlosen 
begnügen und nicht ohne Not Bürgerblut hinopfern möchten. Ich ergriff 
schnell das Klingelschild meiner Eingangsthür, rief den Offizieren zu, daß 
hier eine Privatwohnung mitten im Rathause sei, nannte mich, versicherte 
mit der Pfändung meines Lebens, dies sei die einzige Thür meiner 
Wohnung. Man möge sie besetzen, ich würde meine Familie rekognoscieren, 
dann könne man verhaften; aus meinen Fenstern sei nicht geschossen, Ver— 
wundete zu pflegen sei Christenpflicht. 
Meine Worte wirkten nicht, es zeigte sich hier zuerst die grausame 
Wirkung der Maßregel, fremde Regimenter zur Aufrechterhaltung der Ordnung 
nach Berlin berufen zu haben. Offiziere hiesiger Garnison hätten mich leichter 
erkannt oder hätten die Wahrheit meiner Worte schneller begriffen. Hier trat 
Unkunde zur Wut, die an sich schon blind war. Ich fühlte den Degen des 
Offiziers in meinem Gesicht und sah mein Blut herabrieseln. An Ausrufungen 
der Verwünschungen ließen es die Herren auch nicht fehlen. Kolbenstöße, 
Bajonettstiche, Schüsse bedrohten mein Leben. Ich riß mir die Kriegs— 
medaille ab und rief den Wütenden entgegen, daß ich für das Vaterland 
und den König gefochten, noch ehe sie lebten, daß ich Kriegssitte kenne, daß 
ihre Grausamkeit und Mordlust ein Schandfleck für das preußische Heer sei. 
Durch diese Rede entging ich dem Tode, aber nicht den Mißhandlungen. 
Meine Bitte für die Meinigen fand kein Gehör. Diese waren in dem engen 
Raume der Küche, dem einzigen, der nach keiner Straße hinausliegt, zu— 
sammengedrängt. Meine Frau, drei erwachsene Töchter, meine beiden jüngsten 
Kinder noch in Betten, mein halberwachsener Sohn, in Gesellschaft zweier 
Schwestersöhne meiner Frau, die am Nachmittage, als sie von der Bedrängnis 
gehört, in welcher wir uns befanden, zu uns geeilt waren. Ohne mich an— 
zuhören, packten mich die Gardisten fest, man riß zuerst meinen Neffen, den 
stud. jur. Hermann von Holtzendorff, am Barte von der Seite meiner Frau, 
als ob dieser Bart besonders verdächtig sei, und schleppte den jungen Mann 
mit rohem Ungestüm hinweg; nach ihm meinen zweiten Neffen, den Schul— 
amtskandidaten Georg Zelle. Auch mein Sohn Richard entging der Wut nicht; 
an den Haaren aus den Armen der Mutter, der man das Bajonett auf die 
Brust hielt, fortgezerrt, wurde er draußen auf dem Flur zu den anderen ge— 
stellt, die man in meiner Wohnung aufgefunden hatte. Einige andere hatten 
sich durch die Hülfe eines entschlossenen Dienstmädchens vermittelst einer Wasch— 
leine aus einem Fenster nach dem Schulhofe hinabgelassen, sie selbst voran, 
wobei sie sich den Fuß verstauchte, und als die anderen glücklich entkommen 
waren, an einem Seile von mitleidigen Nachbarn in das erste Stockwerk 
eines anderen Hauses gerettet wurde. Inzwischen verschwendete ich fruchtlose 
Bitten an die Offiziere, mich bei den Meinigen zu lassen. Ich wurde mit 
allen Verhafteten fortgeschleppt und erhielt auf der Treppe viele Kolbenstöße, 
zuletzt noch an der Ecke der Scharrenstraße von einem Tambour Schläge auf 
den Kopf mit einem Trommelstock, ohne daß der Offizier ihn davon zurück— 
hielt. So allgemein war das Vergnügen an Mißhandlungen bei dem 
1. Potsdamer Garderegiment verbreitet. In der Breitenstraße gelang es 
mir, mich einigen höheren Offizieren bemerklich zu machen. Die Generale
	        
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