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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Die Vorgänge des 160. März. 
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schlossen, die Schutzkommissionen anzunehmen, aber sich nicht damit zu begnügen, 
daß diese unbewaffnet blieben, sondern um Errichtung einer bewaffneten 
Bürgerwehr zu bitten, zu der indessen die sogenannten Schutzverwandten, die 
Nichtbürger, nicht hinzugezogen werden sollten. Die Väter der Stadt fürchteten, 
durch eine Bewaffnung der Arbeiter die Revolution herauf zu beschwören. Um 
die Arbeiter zu versöhnen, wurde eine Reihe anderer Beschlüsse: Erhöhung 
des Lohnes bei den Arbeiten auf dem Wedding, vergrößerte Zahl der dort 
beschäftigten Arbeiter u. s. w. gefaßt. Im Laufe des Tages erschienen Bekannt— 
machungen des Magistrats, der die Bildung der Schutzkommissionen ver— 
öffentlichte, und eine des Gouverneurs und des Polizeipräsidenten, in der 
unter dem Vorwande, daß der Verkehr nicht gestört werden dürfte, jede Ver— 
sammlung auf Straßen und Plätzen verboten wurde. — Wie die Stadtver— 
ordneten beschlossen auch die Studenten, für die Aufrechthaltung der Ruhe zu 
sorgen, sie wollten sich den Schutzbeamten anschließen und mit ihnen ge— 
meinschaftlich ohne Waffen durch gütliches Zureden wirken. 
Alle diese Bemühungen, den Frieden zu erhalten, sollten sich als gänz— 
lich erfolglos zeigen. Während noch die Studenten berieten, fielen schon 
draußen vor der Universität die ersten Schüsse. Auf dem Operuplatz hatte 
sich im Laufe des Nachmittags eine große Volksmenge angesammelt. Es 
gab einen gewaltigen Lärm, als unter dieser die friedlichen Schutzbeamten 
mit ihren Binden und weißen Stäben erschienen. „Fort mit den Ballkellen! 
laßt die Schwefelhölzer zu Haus!“ riefen einige Mutwillige den guten Bürgern 
zu, die sich dadurch im Bewußtsein ihrer Amtswürde nicht wenig beleidigt 
fühlten. Es gab Reden und Gegenreden, denn die Schutzbeamten wollten 
sich nicht gutwillig verspotten lassen. Sie forderten die Versammelten anfangs 
mit guten Worten, dann aber gebieterisch auf, sich zu zerstreuen, dafür ernteten 
sie nur neuen Spott. Manchem wurde nach beliebter Manier der Hut an— 
getrieben, anderen riß der unfuglustige Pöbel die „Ballkellen“ und die weißen 
Binden fort. Daß die Schutzbeamten nichts ausrichten konnten, war augen— 
scheinlich, aber ein Grund, mit Waffengewalt gegen das Volk einzuschreiten, lag 
nicht vor, denn die versammelte Menge würde ganz von selbst sich verloren haben, 
hätte man sie mur in Frieden gelassen. Das aber geschah nicht. Wieder wurden 
gegen sieben Uhr abends Militärmassen aufgeboten. Die Trommeln wirbelten 
als Warnungszeichen dreimal schnell hintereinander, dann erfolgten zwei Ge— 
wehrsalven, die eine in die Luft, die andere gegen die Menge. Mit wildem 
Geschrei floh das Volk auseinander, einige Verwundete schleppten sich schwer— 
fällig fort, zwei blieben auf dem Platze, der eine tot, der andere tötlich getroffen. 
Die flüchtende Menge stürzte mit dem Rufe: Waffen! Zu den Waffen! 
durch die Straßen, aber noch fand dieser Ruf keinen Wiederhall bei der Bürger— 
schaft. Wohl sammelten sich selbst in den entferntesten Straßen kleine Gruppen, 
in denen aufregende Reden gehalten wurden, in denen man von Rache gegen 
die Soldaten sprach, wohl hörte man verwirrtes Geschrei, wilde durchein— 
ander tönende Rufe, aber dies war auch alles. Früher als an dem vorher— 
gehenden Abend hatte sich die Volksmenge wieder verlaufen. 
Am 17. März waren die Berliner schon vom Morgen ab wieder auf 
den Straßen. Es mußte etwas geschehen gegen das Niederschießen fried— 
licher Bürger. Aber was sollte geschehen? Man wollte den König bitten, 
nan wollte Deputationen zu ihm schicken, die Bürgerschaft wollte sich ver—
	        
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