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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Raumers Rede am 28. Januar 1847. 615 
tärkte diese natürlich, aber fast die ganze Bürgerschaft Berlins, mit ihr die 
freigesinnte Geistlichkeit, die der wackere Bischof Neander kräftig und erfolg 
reich führte, nahm den Kampf gegen die Finsterlinge auf. Auf der im 
Jahre 1846 nach Berlin einberufenen allgemeinen Landessynode blieben die 
Pietisten in der Minderheit. 
Fünftes Kapitel. 
In den ersten Tagen des Jahres 1847 verbreitete sich in Berlin die 
Nachricht, der König beabsichtige, in der nächsten Zeit einen lange gehegten 
Plan, Preußen eine Verfassung zu geben, zur Ausführung zu bringen. Schon 
so oft hatten derartige falsche Gerüchte herbe Enttäuschungen im Gefolge ge— 
habt, daß jetzt wohl der Zweifel, mit welchem die neue Nachricht aufgenom— 
en wurde, um so natürlicher erschien, als gerade in dieser Zeit die preußische 
Regierung durch besondere Härte und Gehässigkeit gegen die Presse, durch 
Maͤßregeln gegen jeden Versuch einer freien Erörterung politischer Verhältnisse 
n den Bürgerversammlungen, durch Verfolgung mißliebiger Politiker sich mehr 
noch als früher hervorthat. 
Die Berliner Zeitungshalle, eine von dem talentvollen Gustav Julius 
neu begründete Zeitung, die erste, welche in Berlin im großen, dem fran 
zösischen Muster nachgebildeten Format erschien, konnte unter dem Titel 
Deutsche polizeilich-soziale Konflikts-Zeitung“ eine eigene Rubrik für Preß 
berfolgungen eröffnen, die durch zahlreiche Nachrichten aus der Residenz und 
der Provinz stets gedeihliche Nahrung fand. Jede Opposition gegen die 
Regierung, wie wohl gemeint und zahm sie auch sein mochte, wurde mit 
Härte und auch mit Willkür zurückgewiesen, selbst anerkannte Gelehrte hatten 
uͤnter dem herrschenden System zu leiden, wurde doch sogar die freie wissen— 
schaftliche Forschung durch Hindernisse jeder Art und tadelnde Bemerkungen 
von höchster Stelle her beeinträchtigt. 
Friedrich von Raumer, der berühmte Forscher und Gelehrte, hielt am 
28. Januar 1847 in der Akademie der Wissenschaften zur Feier des Geburts⸗ 
tages Friedrichs des Großen in einer von zahlreichen Zuhörern besuchten 
zffentlichen Versammlung den üblichen Vortrag, der den Verdiensten des 
großen Königs galt. Außer den Milustern, den namhaftesten Gelehrten wie 
Alexander von Humboldt u. a., den Prinzen des königlichen Hauses war auch 
Friedrich Wilhelm IV. als Gast anwesend. In seinem Vortrage wandte sich 
Raumer gegen die schweren Angriffe, welche gerade in letzter Zeit Friedrich 
der Große seiner kirchlichen Richtung wegen von einigen berühmten Predigern 
orlitten hatie. Er verteidigte den großen König und besonders dessen bekauntes 
Wort: „In meinem Lande kann jeder nach seiner Facon selig werden.“ Er 
wies nach, daß durch eine solche Duldsamteit, durch die freie Entwickelung 
der Kirche, die durch keine hemmenden Gesetze beschränkt werden dürfe, allein 
die in einem modernen Staate notwendige Entwickelung sich vollziehen könne. 
Hatte die Rede Raumers auf alle Zuhörer einen tiefen Eindruck gemacht, 
war ihre Wirkung auf Friedrich Wilhelm eine durchaus andere. Er fühlte
	        
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