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Zwölfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms IV.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

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Soziale Bestrebungen. 
bruch fand. In Peterswaldau und Langenbielau empörten sich die Arbeiter, 
sie zerstörten die Fabriken und Maschinen. Die Handelsbücher der Fabrikanten 
wurden zerrissen und verbrannt, selbst Wertpapiere, Quittungen und Wechsel 
den Flammen überliefert. Aus Schweidnitz wurde Militär herbeigerufen. Es 
gab einen heftigen Kampf, Tote und Verwundete. Die Arbeiter blieben 
Sieger, aber bald erhielt das Militär Verstärkung, und nun wurde schnell 
der Aufruhr unterdrückt, dessen Anstifter später zu schweren Freiheitsstrafen 
verurteilt wurden. Der unglückliche Aufstand trug eine segensreiche Frucht. 
Alle deutschen Zeitungen enthielten Berichte über das grenzenlose Elend, 
welches im schlesischen Gebirge herrschte, entsetzenerregende und dennoch nicht 
übertriebene Schilderungen davon. 
Die Berliner sahen vor ihren Füßen einen Abgrund gähnen, dessen 
Vorhandensein sie nicht einmal geahnt hatten. Die vorher in der Hauptstadt 
kaum erwähnte soziale Frage erhielt plötzlich eine schwere Bedeutung. Waren 
auch die Arbeiterverhältnisse in der Hauptstadt mit denen im schlesischen Ge— 
birge nicht zu vergleichen, so zeigte sich doch bald genug, daß sie ebenfalls 
wohl geeignet waren, Besorgnis zu erregen. In mehreren Fabriken stellten 
die Kattundrucker die Arbeit ein, indem sie behaupteten, für den bisherigen 
Lohn nicht mehr arbeiten zu können; wenn sie einmal hungern sollten, so 
zögen sie es vor, nichtarbeitend zu hungern. Sie verübten zwar keine Aus— 
schreitungen, und die Polizei sorgte dafür, daß die „Arbeitsscheuen“ zu ihrer 
„Pflicht“ zurückkehrten, daß sie sogar wegen ungesetzlicher Verabredung zur 
Arbeitseinstellung bestraft wurden; aber die Sorge, daß solche Auftritte sich 
wiederholen, daß sie sogar zu ähnlichen Auftritten wie in Schlesien führen 
könnten, wurde durch das Einschreiten der Polizei und die Bestrafung einiger 
Arbeiter nicht beseitigt. 
Aus dem allgemeinen Drange, den Arbeitern zu helfen, entsprossen in 
jener Zeit zwei Vereine, welche später eine nicht unbedeutende Wirksamkeit 
erhalten sollten, der Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen und der 
Handwerkerverein. Das Interesse für den ersteren war zunächst ein allgemeines. 
Viele hohe Beamte schlossen sich ihm an, ja sogar der König wandte ihm 
seine Teilnahme zu und stellte ihm für seine Zwecke die Summe von 
15 000 Thalern zur Verfügung. Aber schon bald nach seinem ersten Be— 
ginnen wurde der Verein von der Regierung mit Mißtrauen betrachtet. Weil 
in den Sitzungen hier und da ein freies, in die Politik tief eingreifendes 
Wort geäußert wurde, erschien er gefährlich und wurde dem Könige ver— 
dächtigt, denn, so äußerten sich vorsichtige Staatsmänner, unter der Maske 
der sozialen Bestrebungen seien politische Agitatoren verborgen. Die Polizei 
erhielt den Befehl, den Verein aufs schärfste zu überwachen, und sie kam 
diesem Befehle so gewissenhaft nach, daß die Mitglieder selbst die Lust ver— 
loren, etwas zu thun, und daß der Verein wenigstens vorläufig außer stande 
war, eine nennenswerte Wirksamkeit auszuüben. 
Weit besser und kräftiger entwickelte sich ein anderer mehr auf die 
Selbsthülfe der Arbeiter berechneter Verein — der Handwerkerverein. Er 
hatte sich die Aufgabe gestellt, Bildung und Gesittung unter den Handwerkern 
und Arbeitern zu verbreiten. Die Mitglieder waren selbst Handwerker und 
Arbeiter, sie vereinten sich, um unter der Leitung tüchtiger Lehrer etwas zu 
lernen und nach dem Unterricht in gesitteter Geselligkeit genußreiche Abende
	        
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