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Elfte Abteilung. Berlin unter der Regierung Friedrich Wilhelms III. bis zu dessen Tode

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Die Musik. 
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Alcidor heimkehrend den Zapfenstreich hörte, freudig ausgerufen: „Endlich 
doch wieder eine ruhige, vernünftige Musik!“ Die andern wußten die Groß⸗ 
artigkeit Spontinischer Tonwerke nicht genug zu preisen. Ebenso heftig wie 
über die Kompositionen Spontinis entbrannie in der Gesellschaft der Streit 
über die Opern Meyerbeers. Gerade weil der Komponist ein Berliner war, 
fand er in der Hauptstadt ebenso viele Feinde wie Freunde. Die Berliner 
Kritiker rissen zum Teil die Meyerbeerschen Opern jämmerlich herunter; sie 
tadelten in so ungemessenen Ausdrücken, daß der Verdacht persönlicher Feind— 
schaft nahe lag. Man erzählte, die gehässigen Rezensionen gingen von solchen 
Schriftstellern aus, welche vergeblich versucht hätten, Eingang in das Beersche 
Haus zu erhalten. 
Auch in die Kreise des untersten Bürgerstandes hatte sich die Musik— 
liebhaberei verbreitet. Es gab in Berlin kein Vergnügen ohne Konzert. Wie 
die Vornehmen und Reichen ihre Thaler opferten, um Paganini zu hören, 
so zahlten die kleinen Handwerker ihre Zweigroschenstücke für das Trompeten— 
tonzert im Freien, wobei dann freilich die Weiße und die lange Pfeife, die 
Ligarren waren noch ein Luxusartikel, zum gemütlicheren Genuß das ihrige 
thaten. Die allgemeine Musikliebhaberei wurde auch von obenher gefördert. 
Professor Zelter leitete an der Universität den Unterricht im Gesange und 
im Generalbaß, die höchsten Staatsbeamten wurden teils persönliche Mitglieder 
der unter Zelters Leitung stehenden Singakademie, teils ließen sie ihre Töchter 
und Söhne an der Akademie teilnehmen. 
Nicht geringer als der Anteil, den die Berliner zu jener Zeit der Musik 
zuwandten, war der Enthusiasmus, den sie für das Theater hegten, und der 
sich bei Gelegenheit oft stürmisch äußerte. Von dem Beifallssturm, den da— 
mals eine bedeutende Kunstleistung hervorrief, von dem Jubel, mit dem 
3. B. Henriette Sontag vom Publikum empfangen wurde, von der Dank— 
barkeit, welche die Berliner in jener Zeit den großen Künstlern weihten, 
haben wir heute kaum noch eine Erinnerung. Die Berliner lebten im Theater, 
in den Vorstellungen und mit den Schauspielern; ihre ganze Aufmerksamkeit, 
welche so selten für politische Fragen in Anspruch genommen wurde, richtete 
sich auf das Theater, und da es nur zwei Bühnen, das Königliche und das 
Königsstädtische Theater, gab, allein auf diese, denn die kleinen Liebhaber— 
theater Concordia und Urania waren nicht mitzurechnen, indem sie dem 
großen Publitum nicht geöffnet wurden. Alles, was das Theater anbetraf, 
war interessant. Die sonst so mageren Zeitungen weihten der Theaterkritik 
einen bedeutenden Raum; Stücke und Personen wurden aufs aufmerksamste 
besprochen, und häufig genug gab es in der Kritik die heftigsten Kämpfe 
für und wider, die sich dann in die Privatgesellschaften verpflanzten und in 
diesen mit einem Ernst und Eifer geführt wurden, der heute nur noch den 
politischen Parteikämpfen eigen ist. Besonders groß war der Beifall, den 
Webers berühmtes Tonwerk, der Freischütz, erntete. Er wurde am 18. Juni 
1821 zum ersten Male gegeben und mit schwer zu beschreibender Begeisterung 
begrüßt. Bei dem Kampf der musikalischen Parteien, der wie erwähnt 
damals in der Berliner Gesellschaft stattfand, konnte es nicht fehlen, daß die 
Melodien Webers die begeistertsten Freunde und die erbittertsten Gegner 
fanden. Zu den letzteren gehörte auch Zelter, der sich mehrfach sehr miß— 
liebig über die neue Over äußerte und dadurch den Komponisten tief kränkte.
	        
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