Path:
Zehnte Abteilung. Berlin zur Zeit der Franzosenherrschaft und der Freiheitskriege (1806-1815)

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

—520 Der Abzug der Franzosen am 4. März 1813. 
daß der Vizekönig von Italien in Köpenick französische Truppen zusammen— 
gezogen habe, und daß er entschlossen sei, Berlin und die Spreelinie gegen 
die heranziehenden Russen zu halten. Ein schweres Geschick schien der Stadt, 
die der Mittelpunkt eines heftigen Kampfes werden sollte, zu drohen. Um 
so größer war der allgemeine Jubel, als am 4. März 18138 am frühen 
Morgen die Bürger mit der Nachricht geweckt wurden, das französische Heer 
habe Berlin verlassen. Und so war es wirklich! 
In der Nacht vom 3. zum 4. März verließen die Franzosen in aller 
Frühe Berlin. Es war 5 Uhr morgens, als ihre Nachhut sich dem Halleschen 
Thore nahte. Zu gleicher Zeit aber rückten auch die Russen vom Norden 
her in die Stadt ein. Die Spenersche Zeitung vom 9. März 1813 be— 
richtet darüber: 
„Am 4. März räumte die französische Garnison vor Tagesanbruch die 
Stadt und defilierte zum Halleschen Thor hinaus. Während dies auf der 
Südseite der Stadt geschah, drang von der Nordseite die russische leichte 
Kavallerie unter dem General Tschernitscheff gegen das Oranienburger Thor. 
Die Kosaken ebneten mit Hacken und Schaufeln augenblicklich die von den 
Franzosen veranstalteten Erdaufwürfe und Gräben, und um6 Uhr zogen 
unter Anführung des kommandierenden Generals die russischen Truppen in 
die Stadt. Ihr Einmarsch ging durch die gedrängten Reihen des Volkes, 
das von allen Seiten hinzuströmte und ihnen den freundlichsten Willkommen 
entgegenbrachte. Der das 18. Kosaken-Regiment Grecov kommandierende 
Major Graf von Mussin-Puschkin hatte zur Versicherung seiner friedlichen 
Gesinnungen gegen die Bürger seine gesamte Mannschaft die preußische 
Nationalkokarde anstecken lassen, und so traten sie mit dem Ausruf: ‚Es 
lebe König Friedrich Wilhelm III.“ in die Stadt. Jener Zuruf ward 
von dem Volke mit dem „Hoch lebe Kaiser Alexander!“ erwidert. 
„Die siegreichen russisch-kaiserlichen Truppen stürzten ohne den mindesten 
Zeitverlust den ausrückenden französischen Truppen nach und erreichten die 
letzten Bataillone derselben noch innerhalb des Halleschen Thors. Diese 
gaben auf dem großen Platze, dem Rondel, auf die eindringenden Kosaken 
Feuer, wodurch von beiden Seiten mehrere blieben und verwundet, auch 
russischerseits Gefangene gemacht wurden. Die Russen verfolgten hiernächst 
auf mehreren Straßen den Feind und wiederholten ihre Angriffe, nament— 
lich in der Nachbarschaft der Dörfer Schöneberg und Steglitz, wobei die 
Franzosen an Toten und Gefangenen gegen viertehalbhundert Mann ver— 
loren. An Nachzüglern und Verfpäteten waren in der Stadt 218 Mann 
aufgegriffen worden, und in den Hospitälern an Verwundeten und Krauken 
ungefähr 1600 Mann in russische Gefangenschaft geraten.“ 
Die Freude, welche das Volk von Berlin erfüllte, als sich am Morgen 
die Nachricht verbreitete: „Die Franzosen sind fort, die Russen sind da!“ läßt 
sich kaum beschreiben. Die ersten Kosaken hatte man nicht so begrüßen 
können, wie dies ein Herzensbedürfnis für die Berliner war, zu schnell hatten 
die flüchtigen Reiter die Friedrichsstraße durcheilt, um die Franzosen zu ver— 
folgen; als aber um 11 Uhr morgens das unter dem Befehl des Fürsten 
Repnin stehende Avantgardekorps in die Stadt rückte, blieb kein Berliner zu 
Haus, die ganze Bevölkerung war auf den Straßein, um die Freunde zu
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.