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Zehnte Abteilung. Berlin zur Zeit der Franzosenherrschaft und der Freiheitskriege (1806-1815)

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

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Französische Flüchtlinge. 
falsche Siegesnachrichten, sie durften ja nur das drucken, was ihnen die fran— 
zösische Censur erlaubte, aber unterdrücken ließen sich die unglücklichen Be— 
richte, welche von Mund zu Mund gingen, nicht mehr. Jahn trug redlich 
dazu bei, sie zu verbreiten. Er wußte sich durch seine vielfachen Verbindungen 
genaue Nachrichten über das Unglück Napoleons in Rußland zu verschaffen, 
diese wurden abgeschrieben und in alle Kneipen, in welchen das gewöhnliche 
Volk verkehrte, gebracht; andere Blätter ließ er durch Schüler in den Straßen 
verstreuen, wo sie von den Vorübergehenden aufgefunden wurden, und von 
Mund zu Mund wanderten nun die Kriegsberichte. Noch schwankten die 
Berliner zwischen Furcht und Hoffnung, als das Gerücht kam, das gewaltige, 
mehr als eine halbe Million Krieger zählende Heer Napoleons sei auf dem 
Rückzuge durch Hunger, Kälte und Angriffe der Kosaken fast ganz vernichtet, 
nur eine schwache Schar unglücklicher Verwundeter kehre mit erfrorenen 
Gliedmaßen zurück; der Gesunden und Kampftüchtigen seien so wenige, daß sie 
kaum beachtet zu werden verdienten. Da hielten selbst die leichtgläubigsten 
Enthusiasten einen solchen Erfolg des Feldzuges für unmöglich, trotzdem aber 
rüsteten sie sich zum Kampfe, denn jetzt oder nie, das fühlten alle, war die 
Zeit gekommen. 
Der Ungläubigste mußte endlich Glauben gewinnen, als von den Flücht— 
lingen auch viele in Berlin eintrafen. Der Jubel des Volkes war groß, 
aber auch in der Freude über die Niederlage der verhaßten Feinde vergaßen 
doch die Berliner jene schöne Menschlichkeit nicht, durch welche sie sich zu allen 
Zeiten ausgezeichnet haben. Rellstab erzählt uns: „Der Anblick der Unglück— 
lichen war grausenerregend, und selbst die aufatmende Freude über das Er— 
eignis im Großen mußte in solchen Augenblicken dem Eindruck weichen, den 
das namenlose Elend hervorbrachte, das die unschuldigen Einzelnen, die Opfer 
der Unersättlichkeit des Führers, erduldet hatten und noch erduldeten. Er— 
barmen trat an die Stelle des Hasses. Oefters habe ich gesehen, wenn die 
mit Stroh gefüllten Bauernwagen, auf denen die gräßlich enistellten Unglück— 
lichen lagen, irgendwo anhalten mußten, weil in der Enge der Straße eine 
Stopfung der Fuhrwerke entstand, wie die Hausbewohner mit Erquickungen, 
Kleidungsstücken, wärmenden Getränken herbeieilten, um die halb erstarrten 
Opfer zu beleben, durch Bouillon, Kaffee, oder was eben zur Hand war. 
oder sie mit Geld zu unterstützen.“ 
Auch preußische Truppen waren dem französischen Kaiser nach Rußland 
gefolgt; sie hatten, glücklicher als die übrigen Bundesgenossen, nicht das Schick- 
sal der großen französischen Armee geteilt; unter Yorks einsichtsvoller Führung 
waren sie verschont geblieben von jenen fürchterlichen Leiden, welche die Hundert— 
tausende der Franzosen und Rheinbündler hinrafften. Das wußte man in 
Berlin, aber mit banger Erwartung schauten die Bürger nach dem Osten, be— 
sorgt über das endliche Geschick der Freunde. Da kam plötzlich die ebenso 
unerwartete als freudige Nachricht, General York habe die verhaßte franzö— 
sische Bundesgenossenschaft gebrochen und am 30. Dezember 1812 die be— 
rühmte Konvention von Tauroggen mit den Russen abgeschlossen.
	        
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