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Neunte Abteilung. Berlin im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts und am Anfang des 19. Jahrhunderts

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

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Die Bürgergarde. 
öffentlichen Ruhe anzuwenden, auch aus allen meinen Kräften beizutragen, 
um die Maßregeln und Anordnungen, welche mir für den Dienst der 
französischen Armee vorgeschrieben worden, auszuführen, und weder Brief— 
wechsel noch irgend eine andere Art von Verbindung mit den Feinden des 
selben zu unterhalten. So wahr mir Gott helfe.“ 
Der gleiche Eid wurde auch den Mitgliedern der Bürgergarde abge— 
nommen, welche Napoleon neu einrichten ließ; sie erhielt den Auftrag, die 
Wachen zu besetzen und die öffentliche Ruhe und Ordnung zu erhalten; es 
wurden ihr obrigkeitliche Geschäfte zugewiesen, sogar das Recht, französische 
Soldaten, welche sich ungebührlich benahmen, zu verhaften; ein Teil der 
Bürgergarde hatte zu Pferde Dienst zu leisten. Von der früheren Bürger— 
garde hatten sich die Berliner nach Möglichkeit fern gehalten, dem Befehl des 
Königs waren sie nur zögernd nachgekommen, dem des Kaisers aber wagten 
sie nicht zu widerstehen; dafür aber erhielten sie auch eine schöne Uniform 
vom feinsten Tuch, die Farben waren blau und rot. Der prächtige Feder— 
busch, die elegante Koppel, der zierliche Säbel kleideten die Bürgergardisten 
gar zu gut, und die jungen Leute aus den besten Familien drängten sich da— 
her zum Dienst; sie schafften sich auch eine Militärmusik an. Als die französischen 
Gouverneure und Kommandanten Ordonnanzen gebrauchten, welche der 
deutschen Sprache mächtig und in der Stadt bekannt waren, bildete sich aus 
wohlhabenden, jungen Leuten ein Freiwilligenkorps, welches den Dienst in 
den Vorzimmern der feindlichen Generale verrichtete. Die jungen Bürger— 
söhne paradierten in einer prächtigen hellgrünen, mit Gold gestickten Uniform, 
sie waren stolz darauf, die Diener der französischen Offiziere zu sein. Mit 
Lust bezogen sie als Bürgergardisten, die Musik voran, die Wachen. Dort 
ging's dann lustig zu, das Schildwachstehen war freilich kein Vergnügen, und 
mancher der verweichlichten Modeherren mußte es mit einem Husten oder 
einem leichten Unwohlsein büßen, einer starb sogar infolge einer Erkältung 
beim Patrouillieren. 
Das Volk von Berlin mußte, ehe es sich zu dem edeln Gefühl der 
Vaterlandsliebe, zu der Selbstaufopferung, welche es später so glorreich be— 
wiesen hat, emporschwingen konnte, die herbe Schule des Leidens durchmachen, 
und diese Leiden kamen bald genug. In den ersten Monaten der französischen 
Besatzung, und so lange der Kaiser sich in der Stadt aufhielt, kamen die 
Berliner in dem Anschauen des vielen Neuen, welches sie sahen, kaum zu 
einem rechten Bewußtsein ihrer Lage; da gab es täglich neue Schauspiele, zu 
denen sich das neugierige Volk drängte, prächtige Paraden, Musterungen der 
durchziehenden Truppen u. s. w. Die Wein- und Bierhäuser waren gedrängt 
voll von fremden Gästen, die Wirte machten treffliche Geschäfte, und auch 
viele Berliner Handwerker hatten für die Franzosen tüchtig zu thun; Kon— 
zerte und Theater wurden fleißig besucht. 
Der treffliche Iffland zeigte in dieser schweren Zeit sein Geschick zur 
Direktion, er wußte mit der Auswahl der Stücke genau die richtige Mitte zu 
halten, um weder die seiner Fürsorge anvertraute Bühne zu gefährden, noch 
sich dem Vorwurfe auszusetzen, er sei kein echter Patriot. Alle Stücke wurden 
vermieden, welche die ungebetenen Gäste hätten beleidigen können, ebenso aber 
auch die, welche irgend eine Schmeichelei gegen sie enthielten. Iffland duldete 
keine Improvisationen. um jeden Vorwurf von seiner Bühne fern zu halten.
	        
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