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Siebente Abteilung. Berlin zur Zeit Friedrich Wilhelms I.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Der Einsiedler im „dustern Keller“. 
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ein fruchtbares, aber bis dahin wenig angebautes Land eine Kornkammer 
für Preußen wurde. Auf der weiten Reise von der Heimat bis nach Litauen 
wurden die Salzburger teils auf königliche Kosten verpflegt, teils fanden sie 
liebreiche Aufnahme in den Städten und Dörfern, durch welche sie zogen. 
Berlin zeichnete sich besonders durch die offene Gastfreundschaft aus, mit 
welcher die Residenz die Flüchtigen aufnahm. 
Am 30. April 1732, nachmittags 4 Uhr, langte der erste Zug der 
Salzburger in Berlin an. Die halbe Stadt war ihm entgegengezogen, 
seder bemühte sich, durch die liebevollste Aufnahme den Flüchtigen die neue 
Heimat angenehm zu machen. Da sah man junge, feingekleidete Mädchen 
den alten Bauern ihre schweren Ranzen abnehmen und nachtragen, hier zog 
ein reicher Bürger mit seiner Frau einen Wagen, in welchem eine Kranke 
lag. Jeder wollte helfen und trösten, jeder einen Anteil an dem Liebes— 
werke nehmen. Die ihres spöttelnden Witzes wegen schon damals ver— 
schrieenen Berliner zeigten bei dieser Gelegenheit wie häufig auch später, 
daß sie für wahre Not ein warm fühlendes Herz hatten. Die Ankunft jedes 
Zuges der Salzburger war immer ein öffentliches Fest. Friedrich Wilhelm 
Jing gewöhnlich den Einwanderern bis zum Leipziger Thore entgegen, einige 
Kandidaten der Theologie geleiteten die Fremden in die Stadt und wiesen 
ihnen die gastfreundlich gewährten Quartiere an. Die Bürger überboten sich 
in der zuvorkommendsten Bewirtung, und auch die Königin folgte dem Bei— 
spiele der Bürger. Sie ließ in ihrem Schlosse Monbijou die Armen speisen 
und beschenkte sie. In den Kirchen wurde zur allgemeinen Erbauung Gottes— 
dienst gehalten. 
Der König hielt darauf, daß fleißig gepredigt und gebetet wurde, und die 
Bürger zeigten gern, um sich die königliche Gnade zu erwerben, daß sie fromm 
seien. An allen Sonn- und Festtagen und bei jeder Feierlichkeit waren die 
Kirchen vollgepfropft von Zuhörern, besonders die, in denen man den König 
zu sehen erwartete. Ueberall wurde die Religiosität äußerlich zur Schau 
getragen. Berlin konnte in jenen Tagen sogar das seltene Exemplar eines 
Einsiedlers aufweisen. Ein früherer Hofbedienter des großen Kurfürsten, 
Namens Schneider, hatte sich in einem wild bewachsenen Hügel in der Hasen— 
heide, dem sogenannten dustern Keller, eine Höhle gegraben. In dieser 
lebte er von milden Gaben ganz wie die Klausner im Mittelalter. Seine 
einzige Beschäftigung war das Singen von Psalmen und das Beten. Jeden, 
mit dem er sprach, redete er „Er“ an, und dabei machte er keine Ausnahme, 
jelbst als Friedrich Wilhelm einst von Tempelhof nach der Hasenheide ritt 
und den Klausner aufsuchte, nannte dieser den König „Er“. Friedrich Wilhelm 
unterhielt sich lange mit dem wunderlichen Alten, den er nicht recht begreifen 
konnte. „Mit Deinem Glauben scheint es mir nicht ganz richtig zu sein,“ 
iagte er. Der Einsiedler erwiderte ruhig: „Ich glaube noch immer dasselbe, 
was ich glaubte, als ich Seinem Großvater die Psalmen vorlas.“ — „Dann 
jabe ich allen Respekt vor Deinem Glauben, hier hast Du einen Gulden.“ — 
„Das Geldstück ist zu groß für mich,“ entgegnete der Klausner, der nie 
etwas anderes als kleine Kupfermünzen annahm, und ohne sich weiter um 
den König zu bekümmern, ging er in seine Höhle zurück. 
Die in Berlin überall zur Schau getragene Religiosität verführte vielfach 
zur Heuchelei, nach anderer Richtung hin hat sie aber auch wohlthätige
	        
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