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Siebente Abteilung. Berlin zur Zeit Friedrich Wilhelms I.

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Die Generalfiskale Wagener und Gerbett. 339 
verwiesen worden. Er hatte sich als Abenteurer nach Rußland gewandt und 
hier die Hofmeisterstelle beim Sohne des berühmten Fürsten Menzitoff über— 
nommen. Aber auch in Rußland war seines Bleibens nicht lange, er wurde 
nach Menzikoffs Fall aus Petersburg verwiesen und ließ sich nun von den 
preußischen Werbern als Dragoner anwerben. Der König, der die Gewohn— 
heit hatte, sich nach dem Schicksale jedes einzelnen Rekruten zu erkundigen, 
hatte bei den jährlichen Musterungen der Regimenter auch Wagener kennen 
gelernt und interessierte sich für ihn. Durch welche geheimen Bemühungen 
Wagener dem König die Ueberzeugung gab, daß er sich zur Stelle eines 
Generalfiskals eigene, ist unbekannt geblieben, es erregte daher selbst damals, 
wo doch jedermann die seltsamen Launen des Königs kannte, ein ungewöhn— 
liches Aufsehen in Berlin, als plößzlich der gemeine Dragoner zum General— 
fiskal erhoben wurde. Wagener zeigte sich als ein würdiger Vertreter des 
gehaßten Amts; er schürte den Feuereifer seiner Unterfiskale, nach Verbrechen 
zu spüren, mehr und mehr und zeigte selbst persönlich eine bewunderungs⸗ 
würdige Geschicklichteit, Denunziationen hervorzurufen. Die Berliner litten 
entsetzlich während der Amtsthätigkeit dieses Mannes. Gerade damals war 
ein Befehl erschienen, welcher die Einführung fremden Kattuns verbot und 
namhafte Strafen selbst auf den Besitz dieses Zeuges festsetzte. Wagener ordnete 
im ganzen Lande Untersuchungen an, seine Unterbeamten drangen in die 
Häufer, sie durchschnüffelten die Familiengemächer und brachen Kisten und 
Kästen auf, um nach der verbotenen Ware zu suchen. Zahllose Anzeigen 
waren die Folge dieses Unternehmens. Das Unwesen war so stark, daß 
es selbst die Straflust Friedrich Wilhelms ermüdete und den König zu 
dem Befehl, mit den Nachsuchungen innezuhalten, veranlaßte. Niemand im 
ganzen Lande war vor den Nachforschungen des früheren Dragoners sicher; 
dieser wagte sich sogar an die höchsten Staatsbeamten, die Minister und 
Generale.“ Mitunter bekam ihm sein Eifer freilich schlecht, er mußte ihn durch 
einen Arrest auf der Hauptwache büßen, trotzdem aber verblieb er in seinem 
Amte. 
Nach seinem Tode wurde der Geheime Justiz- und Kammergerichtsrat 
Gerbett sein Nachfolger, ein gelehrter, rechtskundiger Mann, der aber wo 
möglich noch mehr Lust an falschen und wahren Denunziationen hatte als 
Wagener. Sein Name wurde von unzähligen Unglücklichen, die er um ihr 
Vermögen und ihre Freiheit brachte, verflucht. Er machte sich durch seine 
Thätigkeit so viele Feinde, daß er endlich der Last des auf ihm ruhenden 
Hasses erlag. Auch er wurde denunziert; eine Reihe von Ungerechtigkeiten 
und Bestechlichkeiten, die er verübt hatte, wurde klar bewiesen und führte 
seinen Fall herbei. Die Festung Spandau, die durch ihn mit Unschuldigen 
bevölkert worden war, nahm ihn, den Schuldigen, endlich auf. Dort lebte 
er in der Gefangenschaft in äußerster Dürftigkeit; er hätte hungern müssen, 
wenn sich seiner nicht ein Mann angenommen hätte, der durch ihn ins 
Verderben gestürzt worden war. Der Geheime Rat Wilke, dem Gerbett 
durch seine Denunziation die schmachvolle Zuchthausstrafe bereitet hatte, er— 
nährte ihn. 
Nach der Absetzung Gerbetts kam das Amt eines Generalfiskals an 
den Geheimen Justizrat Uhde, einen allgemein geachteten, vortrefflichen Mann, 
und diefer durfte jest gelindere Saiten auffspannen, da selbst Friedrich Wilhelm
	        
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