Path:
Sechste Abteilung. Berlin zur Zeit Friedrichs III. (I.)

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

296 
Die Kopfsteuer vom J. Mai 1691. 
Jahre 1711 beliefen sie sich schon auf über 81,8 Millionen, wovon mehr 
als die Hälfte, 2,100,000 Thaler, auf die Unterhaltting des Heeres ver— 
wandt wurde. 
Durch welche Mittel wurde diese Vergrößerung der Einnahmen ge— 
schaffen? Durch eine Besteuerung, wie sie kaum in irgend einem anderen 
Lande stattgefunden hat, eine Besteuerung, welche die Kräfte der Unterthanen 
bis aufs Mark erschöpfte. Unmittelbar nach Beginn seiner Regierung am 
14. Oktober 1688 bestimmte Friedrich, daß alle Beamten 10 Prozent von 
ihrer Besoldung als Steuer zahlen müßten. Am 1. Mai 1691 wurde eine 
Generalkopfsteuer“) ausgeschrieben, von der niemand im ganzen Lande befreit 
sein sollte; die ärmste Tagelöhnerfrau, ja jedes Gänsemädchen mußte den 
bestimmten Beitrag von mindestens 4 Groschen leisten, der Bauer hatte 
12 Groschen zu zahlen. Aber auch der Kurfürst und die Kurfürstin waren 
von der Steuer nicht ausgeschlossen, denn da diese jeden Kopf im Lande 
treffen sollte, so mußten auch die beiden höchsten Köpfe besteuert werden, der 
des Kurfürsten mit 1000 Thalern, der der Kurfürstin mit der Hälfte; ja als 
später die Steuer abermals und zwar mit höheren Sätzen ausgeschrieben 
wurde, da legte sich der Kurfürst eine Steuer von 2000 Thalern und seiner 
Gemahlin eine von 1000 Thalern auf, und als nun gar nach der Krönung 
sein Haupt ein königliches geworden war, stieg es noch im Preise; er bestimmte 
für sich 4000 Thaler, für seine Gemahlin, die Königin, 2000 Thaler. Das 
erhebende Beispiel der Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, welches Friedrich 
gab, indem er auf sein eigenes Haupt eine Steuer legte, fand nicht die An— 
erkennung bei den stets spottsüchtigen Berlinern, welche der erhabene Herr 
gehofft hatte. Die Berliner meinten, da der König das Geld aus des Volkes 
Taschen nehme, so könne er davon ohne irgend eine Unbequemlichkeit eine Steuer 
zahlen, die wieder in seine eigene Kasse zurückfließe! 
Als nach der Königskrönung die Ausgaben des Hofes sich außerordentlich 
vermehrten, zeigte Friedrich eine anerkennungswerte Genialität in der Er— 
findung besonderer Steuerarten. Da wurde dem Lande unter dem Namen 
einer Krönungssteuer Geld abgefordert, da wurde die Kopfsteuer immer 
wieder erneuert, und alle Rückstände trieb man mit Excekution ein; da be— 
steuerte man die Karossen in Berlin, weil sie, wie die betreffende Verordnung 
jagte, das Steinpflaster der Residenz ruinierten, und in Anerkennung, daß 
nach der Mode der Zeit auf jeden Kopf auch ein Deckel gehöre, besteuerte 
man die Perrücken! Alle Welt trug jene aus Tier- und Menschenhaaren 
künstlich verfertigten Kopfbekleidungen. Die Perrücken waren von ungeheurer 
Größe und kosteten große Summen; ein würdiger Ratsherr, der sich ge— 
bührend schmücken wollte, mußte mitunter wohl 2—300 Thaler für eine 
mächtige Allongenperrücke zahlen, und es gehörte zum guten Ton, diese aus 
Frankreich zu beziehen. Friedrich zog aus der allgemeinen Narrheit, in der 
er mit gutem Beispiele voranging, denn das Hauptgeschäft seines Gesandten 
in Paris war, für ihn die schönsten Perrücken zu besorgen, gerechten Vorteil. 
*) Die Kopfsteuer war die Mutter der späteren Klassensteuer, sie hatte den sehr 
vernünftigen Zweck, alle Einwohner des Landes zu den Staatsausgaben nach dem 
Verhältnis ihrer Leistungsfähigkeit heranzuziehen, wie ja auch alle teilnahmen an den 
Vorteilen der Staatvereinigung.
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.