Path:
Vierte Abteilung. Berlin unter der Regierung der Kurfürsten Johann Georg, Joachim Friedrich, Johann Sigismund und Georg Wilhelm

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Der Prozeß gegen den Münzjuden Lippold. 163 
Volk von Berlin und Cöln, daß der Kurfürst nicht wie sein Vater die Juden 
in seinen besonderen Schutz nahm, da machte sich die Feindseligkeit, die das 
Volk gegen den verachteten Stamm im Herzen trug, Luft. In der Kloster— 
straße vor der Synagoge versammelte sich eine gewaltige Volksmasse. „Nieder 
mit den Juden!“ so ertönte der wilde Ruf. Einige vorübergehende Juden 
wurden ergriffen und schwer gemißhandelt, der Pöbel drang in die Synagoge 
ein und zerstörte sie, dann zog er tobend und schreiend durch die Straßen. 
Die Häuser der reichsten Juden wurden erstürmt und beraubt, und schon war 
viel Unfug geschehen, als endlich die kurfürstlichen Trabanten einschritten und 
die wütende Volksmasse zerstreuten. 
Die Untersuchung gegen Lippold wurde mit höchster Strenge geführt. 
Alle seine Papiere und Gelder waren mit Beschlag belegt worden, und dabei 
hatte sich gezeigt, welchen ausgedehnten Wucherhandel Lippold trieb. Für 
über 11,000 Thaler Gold- und Silberpfänder, welche zum Teil den vor— 
nehmsten Räten und den im größten Luxus schwelgenden Bürgern von Berlin 
und Cöln gehörten, wurden gefunden, aber keine Anzeichen, daß sich Lippold 
irgend eine Unterschlagung in seinem Amte oder einer Betrügerei gegen den 
verstorbenen Kurfürsten schuldig gemacht habe. 
Die kurfürstlichen Kommissarien, der Oberhofmeister von Arnim, der 
Rat Christoph Meienburg, die Hausvogte Sigmund Rosenecker und Konrad 
Schreck prüften alle Rechnungen auf das genaueste; sie kannten den Wunsch 
des Kurfürsten Johann Georg, sie wußten, daß sie den verhaßten Münz— 
juden unter jeder Bedingung schuldig finden sollten, und doch bot sich ihnen 
nirgends ein Anhaltepunkt, denn Lippold hatte sein Amt mit Treue und 
Umsicht verwaltet. Die Untersuchung war ohne Ergebnis geblieben; man 
mußte, um Lippold zu verderben, zu anderen Beschuldigungen als zu denen 
der Untreue und Unterschlagung greifen, und man zögerte nicht, dies zu thun. 
Es wurde dem Kurfürsten hinterbracht, Lippolds bildschönes Weib habe ihren 
Gatten im Gewahrsam besucht; sie habe sich lange mit ihm in leisen Worten 
unterhalten, nach und nach aber sei das Gespräch lauter geworden und endlich 
in einen Zank ausgeartet, bei dem die Frau unwillig ausgerufen habe: „Wüßte 
nur der Kurfürst, was Du für ein böser Schelm bist, und welche Bubenstücke 
Du mit Deinem Zauberbuche kannst, so würdest Du schon längst kalt sein!“ 
Diese Aeußerung, welche die Wache Lippolds gehört haben wollte, wurde dem 
Kurfürsten mitgeteilt, sie gab die willkommene Veranlassung zu einer neuen, 
weit strengeren Untersuchung. 
Der Münzjude war der Zauberei verdächtig, jetzt konnte man peinlich 
gegen ihn verfahren. Er wurde in den für schwere Verbrecher bestimmten 
Kerker geworfen und dem Kriminalrichter zur Untersuchung übergeben, diesem 
standen andere Mittel, seine Schuld zu erforschen, zu Gebote als den kur— 
fürstlichen Kommissarien. Mit der Beschuldigung der Zauberei wurde zugleich 
auch eine andere, nicht weniger unsinnige erhoben, er sollte den verstorbenen 
Kurfürsten Joachim II. durch einen Gifttrunk ermordet haben. Schon der 
gewöhnlichste Menschenverstand mußte jedem Unbefangenen klar machen, wie 
wahnsinnig eine solche Anschuldigung sei. Lippold war der erklärte Günstling 
Joachims, er konnte durch den Tod Joachims nur Nachteile, niemals Vorteile 
haben, trotzdem fand die Beschuldigung Glauben und wurde zum Gegenstand 
des Prozesses gemacht. Am Abend vor dem Tode Joachims hatte ihm
	        
Top of page
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.