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Dritte Abteilung. Berlin in der Reformationszeit

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Das Gottesgericht in der Klosterkirche 1525. 119 
Prozession vernachlässigten, indem sie ihren Töchtern nicht gestatteten, bei der— 
selben mitzuziehen, erließ Joachim im Jahre 1522 ein Mandat an die 
Magistrate beider Städte, in welchem er sagte: 
„Wir werden berichtet, wie sich etliche Eurer Mitbürger und sonderlich 
von den namhaftigsten, unterstehen, weniger ihre Töchter in die Prozession 
des achten Tages Corporis Christi, wie vor alters geschehen, gehen zu 
lassen. Demnach begehren wir an Euch gütlich, Ihr wollet von unseret— 
wegen daran sein und verschaffen, daß in dem kein Abgang geschehe, sondern 
alter, löblicher Gewohnheit nach die Jungfrauen die Prozession Gott zu 
Lob halten und darin gehen lassen, und daß auch sonst dieselbe Prozession 
mit Figuren und anderm ordentlich und andächtig bestellt werde.“ 
Ob der Befehl Joachims eine besondere Wirkung hatte, darüber be— 
richten uns die Chroniten nichts, fast möchten wir aber glauben, es sei nicht 
der Fall gewesen, und sein Gebot habe ebenso wenig gefruchtet wie die 
später von ihm ausgegangenen Verbote gegen Luthers deutsche Bibelüber— 
setzung, der Joachim vorwarf, daß darin über hundert Irrtümer enthalten 
seien, und gegen die deutschen Lieder Luthers (1526). Bibel und Lieder 
wurden trotz des Verbots in Massen nach der Mark Brandenburg gebracht 
und vielleicht mit um so mehr Begierde gelesen, weil sie verboten waren. 
Der Strom der Reformation war schon so mächtig gewachsen, daß sich 
ihm durch ein einfaches Gesetz kein Damm mehr entgegenstellen ließ. 
Nahmen auch die Bürger von Berlin und Cöln, als gut geschulte Residenzler, 
auf ihren gnädigsten Kurfürst soviel Rücksicht, daß sie sich nicht offen für die 
Reformation erklärten, so wurde doch um so eifriger im geheimen Luthers 
Bibelübersetzung gelesen und vorgelesen und selbst das Abendmahl unter 
beiderlei Gestalt verteilt. Das Volk behauptete sogar, anknüpfend an den 
alten katholischen Aberglauben, Zeichen und Wunder seien geschehen, um die 
Wahrheit der neuen Lehre Luthers zu bekunden. Am zweiten Weihnachts— 
tage des Jahres 1525 befand sich Joachim mit seiner Gemahlin in der 
Kirche des Klosters der schwarzen Brüder. Einer der Mönche predigte, er 
donnerte mit wilder Wut gegen die Ketzereien Luthers, und um diesen recht 
zu verdammen, griff er sogar die Briefe des Apostel Paulus, auf welche 
Luther sich vorzüglich berief, mit harten Worten an. Diesem Apostel, so 
sagte er, dürfe man eben nicht gar zu viel trauen, denn er habe offenbar 
gelogen! Eine Lüge sei es, wenn Paulus (Galat. 4. 4) sage: „Da aber die 
Zeit erfüllet ward, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einem Weibe u. s. w.“ 
denn die heilige Mutter Maria sei nie ein Weib geworden, da sie auch nach 
der Geburt Christi noch eine Jungfrau geblieben sei. Einem solchen Lügen— 
apostel, der etwas derartiges behaupte, dürfe man nicht glauben, wie die 
lutherischen Ketzer es thäten. Der Mönch predigte mit wildem Eifer, sein 
Gesicht war, während er seine verdammenden Worte von der Kanzel herab— 
schrie, von einer dunkeln Röte überzogen. Er donnerte, als er den letzten 
Satz sprach, mit den Fäusten auf die Kanzel, dann aber brach er plötlich 
zusammen. Der Schlag hatte ihn gerührt, er wurde tot aus der Kirche 
getragen, und die von Grauen erfüllten Zuhörer verließen eiligst das Gottes— 
haus, um die schauerliche Erzählung in der Stadt zu verbreiten. Das war 
An Gottesgericht! Gott selbst erkannte die Richtigkeit der reformatorischen
	        
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