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Dritte Abteilung. Berlin in der Reformationszeit

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

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Cuther und Hieronymus Scultetus. 
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berg, wo die freie Religionslehre gepredigt wurde, zu ziehen und dort zu 
studieren, statt in Frankfurt sich den Verteidigern des Ablaßkrams zuzugesellen. 
Die Gelehrten aus Frankfurt, Wimpinna, der eifrige Freund Tetzels und 
andere Gleichgesinnte, waren die wissenschaftlichen Ratgeber Joachims, und 
sie eiferten natürlich gegen Luther, ebenso auch sein liebster Geheimerat, 
der Bischof Hieronymus Scultetus von Brandenburg. 
Luther, dem es im Anfang der Bewegung, als er seine 95 Theses an— 
schlug, gar nicht in den Sinn gektommen war, einen Kampf beginnen zu 
wollen gegen die katholische Kirche, deren gläubiger Jünger er war, der nur 
einem einzigen Mißbrauche entgegentrat, hatte gehofft, in diesem seinem 
Bestreben Unterstützung bei den intelligenten Geistlichen zu finden; er war 
daher bemüht gewesen, den seiner Gelehrsamteit wegen berühmten Bischof 
Hieronymus Scultetus für sich zu gewinnen; er hatte diesem seine Theses 
übersandt. Scultetus erkannte zwar das Nachteilige des Ablaßkrams an, 
und er hatte dies gezeigt, indem er den Kurfürsten während Tetzels An— 
wesenheit in Berlin zu dem Verbot des Ablaßkaufs an die Hofdiener be— 
wogen hatte, aber er war ein zu guter Hofmann, um nicht gegen den Bruder 
seines Kurfürsten nachsichtig zu sein: er schickte deshalb den Abt von Lehnin 
nach Wittenberg, um mit Luther Rücksprache zu nehmen und diesen von 
weiteren Schritten abzumahnen. Als, durch die Gewalt der Umftände und 
insbesondere durch die unverschämten Angriffe Tetzels gedrängt, Luther doch 
vorwärts und zwar weiter ging, als er vorher gewollt hatte, reiste sogar 
der Bischof selbst nach Wittenberg und hatte eine lange Unterredung mit 
dem Reformator; aber er kehrte unverrichteter Sache wieder nach Branden— 
burg zurück, und von dieser Zeit an hegte er einen so tiefen Haß gegen den 
kühnen Augustinermönch, der es gewagt hatte, seiner Autorität zu trotzen, 
daß er einst, als er am Kaminfeuer saß, in einer Unterredung mit Freunden 
äußerte, er wolle sein Haupt nicht eher ruhig niederlegen, bis er Luther dem 
Flammentode überantwortet habe! „Er soll verbrennen wie dieser Stab!“ 
rief er aus, indem er einen hölzernen Stab, den er zufällig in der Hand 
hielt, wütend in das Kaminfeuer warf. 
Scultetus wendete natürlich alle seine Redekraft auf, und diese war, 
wie wir gehört haben, bedeutend, um Joachim gegen Luther einzunehmen; 
er wurde unterstützt durch Wimpinna und auch durch einen anderen sehr ein— 
flußreichen Mann, den Sterndeuter Carion, der ebenfalls Partei gegen Luther 
nahm. Alle diese Einflüsse sowie seine eigenen Neigungen wirkten so 
mächtig auf Joachim, daß dieser sich bald als ein eifriger Gegner der Re— 
formation zeigte, sein Eifer führte ihn so weit, daß er, als Luther mit freiem 
Geleit auf dem Reichsstage zu Worms erschien (1521), dem Kaiser Karl V. 
riet, das freie Geleit zu brechen, den Ketzer verhaften und verbrennen zu 
lassen, denn einem Ketzer brauche man nicht Wort zu halten. Kaiser Karl 
erwiderte darauf das schöne Wort: „Wenn Treue und Glauben aus der 
ganzen Welt entweichen, bei mir sollen sie eine Zufluchtsstätte finden!“ 
Joachim trat allerdings der sich mehr und mehr in der Mark Branden— 
burg ausbreitenden Reformation entgegen, aber nur mit den Mitteln des 
Gesetzes und ohne Grausamkeit. Als in Berlin und Cöln die früher in der 
Befolgung der kirchlichen Gebote so überaus eifrigen Bürger sich von den 
Kirchen mehr und mehr zurückzogen und sogar die berühmte Fronleichnams—
	        
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