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Dritte Abteilung. Berlin in der Reformationszeit

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Dr. Martin Luther. 
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von meinen bereits begangenen, sondern auch von allen meinen zukünftigen 
Sünden und insbesondere von der, die ich jetzt an Dir begehe, absolviert 
hast. Dessen wirst Du Dich wohl zu erinnern wissen, ich habe Dir ja Deine 
gute Gebühr dafür gegeben!“ Tetzel versuchte vergeblich zu beweisen, daß 
so sein Ablaßbrief nicht gemeint sei, der Ritter lachte nur und sagte, wenn 
auch Tetzel den Ablaßbrief nicht so verstanden habe, er habe ihn so gemeint. 
Die Pferde wurden nun in die öde Heide hineingelenkt, Tebel mußte auf 
dem Wagen zurückbleiben, der Ritter bewachte ihn und machte sich noch ein 
Vergnügen daraus, den trostlosen Mönch zu verhöhnen. Auf alles Schimpfen 
und Fluchen Tetzels erwiderte er nur in höchster Seelenruhe: „Da ich einen 
Ablaßbrief von Dir selbst empfangen habe, nehme ich das Geld und mache 
mir kein Gewissen daraus. Ich bedanke mich noch bei Dir wegen der Ab— 
solution und nun ade, zu guter Nacht!“ Mit diesen Worten sprengte er 
lachend von dannen. 
Der Chronist Angelus fügt seiner Erzählung die Moral hinzu: 
„Also hatte Tetzel wohl über sich selbst Ablaß gegeben und ist mit 
barer Müntz bezahlet worden, sintemal er selbst in die Grube gefallen, die 
er einem andern mit seinem Ablaßbrief gegraben hatte, und ist an ihm 
das Sprichwort wahr geworden: Uebel gewunnen, übel zerrunnen!“ 
Fünftes Kapitel. 
Auch in Sachsen suchte Tetzel seine Ablaßbriefe zu verkaufen. Mit 
jedem Tage betrieb er seinen Handel marktschreierischer und unverschämter. 
Das Unwesen nahm so überhand, daß es selbst viele Geistliche empörte, und 
daß sich besonders ein Augustinermönch in Wittenberg, der zugleich Lehrer 
an der dortigen Universität war, der Dr. Martin Luther, in seinen Predigten 
tadelnd darüber äußerte. Er sprach offen aus, es sei besser, den Armen 
ein Almosen zu reichen, als das Geld für so ungewisse Ablaßgnade nach Rom 
zu schicken, er warnte daher seine Beichtkinder vor dem Kaufe der Ablaß— 
briefe. Anfangs trat Luther noch ziemlich milde auf, als aber der Verktauf 
der Ablaßbriefe nicht aufhörte, die Birger von Wittenberg sogar immer 
häufiger nach Jüterbogk wanderten, um sich dort betrügen zu lassen, da ent— 
schloß er sich zu einem kühnen, energischen Schritte. 
Am Vorabend des Allerheiligentages, am 31. Oktober 1517, schlug 
Luther an die Thüren der Schloßkirche zu Wittenberg 95 Theses CLehrsätze) 
gegen den Ablaß an. Er forderte dadurch, nach der Sitte der Zeit, alle 
(Helehrten auf, diese Sätze in einem öffentlichen Streite zu widerlegen. 
Ein unbedeutender Mönch, dessen Name bis dahin kaum genannt war, 
wagte es, die Autorität der höchsten kirchlichen Macht anzugreifen, den vom 
Papfte selbst anbefohlenen Ablaßhandel zu verdammen! Er hatte selbst keine 
Ahnung von der furchtbaren Tragweite seines Schrittes, keine Ahnung davon, 
daß durch diese 95 Theses die katholische Kirche in ihrem innersten Wesen
	        
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