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Dritte Abteilung. Berlin in der Reformationszeit

Full text: 500 Jahre Berliner Geschichte / Streckfuß, Adolf (Public Domain)

Der Ablaßhandel in der Mark. 
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blendet. Als er durch den rauschenden, in Strömen herabfallenden Regen 
wieder ins Bewußtsein gerufen wurde, stand der Wagen still. Er sprang 
heraus; vor ihm lag die vom Blitz herabgeschleuderte Leiche des Wagen— 
knechtes; auch die vier Pferde waren erschlagen. 
„Sunsten,“ — sagt Haftitz, der uns diet Eraignie —rählt, — „hat das 
Wetter keinen Schaden mehr gethau.“ 
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apitel. 
An einem herrlichen Frühlingstage, in der ersten Hälfte des April 1517, 
wvaren die Straßen von Berlin und Cöln dicht gedrängt von der schaulustigen 
Meuge. Die Bürger hatten die Festkleider angelegt, Frauen und Mädchen 
den schönsten Schmuck hervorgesucht. Ein besonderes Fest staund den guten 
Berlinern bevor, der berühmte Ablaßverkäufer Johaun Tetzel wurde erwartet, 
er wollte seinen feierlichen Einzug in Berlin halten, um auch den Bürgern 
dieser Stadt Sündenerlaß für wenige Groschen zu verkaufen. Die heilige 
Kirche war gar gnädig gegen ihre Kinder; fsie hatte Erbarmen mit den 
Qualen, welche den armen Sündern im Jenseits bevorstanden, und da sie 
die Macht der Sündenvergebung, der Errettung aus den Flammen des Fege— 
euers besaß, machte sie die Gläubigen dieser Wohlthat teilhaftig, natürlich 
aber nur, wenn diese sich auch des Erbarmens würdig zeigten, wenn sie be— 
reit waren, von ihrem schnöden Mammon ein weniges für den Säckel der 
Kirche, zur Erbauung der Peterskirche in Rom, zu opfern. 
In jener Zeit, im Anfange des 16. Jahrhunderts, hatten sich die in 
der katholischen Kirche eingerissenen Mißbräuche übergipfelt; vergeblich waren 
einsichtsvolle Geistliche seit länger als einem Jahrhundert bemüht gewesen, 
eine Kirchenreformation herbeizuführen, vergebens hatten sie auf den Kirchen— 
versammlungen die herrschenden Mißbräuche offen klargelegt, alle ihre Be— 
mühungen waren an der Selbstsucht der höchsten kirchlichen Würdenträger 
gescheitert, und statt zum Bessern zu führen, hatten alle reformatorischen 
Versuche das alte Unwesen nur neu befestigt. Die Geistlichkeit war von 
ihrer Spitze bis zu ihren untersten Gliedern ihrem eigentlichen Berufe, Gottes 
Wort zu lehren und dem Volke ein Vorbild der Frömmigkeit und wahrhaft 
religiösen Wandels zu sein, längst untren geworden. Die Päpste verdankten 
ihre Wahl meist der niedrigsten Bestechung. Derjenige Kardinal bestieg den 
päpftlicheit Stuhl, der seinen Kollegen die höchste Summe bieten konnte. 
Und wie das Haupt, so die Glieder. Die Bischöfe betrachteten sich als welt— 
tiche Fürsten, die lieber in den Krieg als in die Kirche gingen, die vom 
Aberglauben des Volkes möglichst hohe Einkünfte zu ziehen bestrebt waren. 
Die Bischöfe in der Mark, die von Brandenburg, Havelberg und Lebus, 
waren nicht die schlechtesten ihres Standes, dennoch aber lebten auch sie ganz 
wie weltliche Fürsten; sie hielten sich einen glänzenden Hofstaat und zogen 
als Feldherren in den Krieg; sie plünderten und verbrannten dabei die
	        
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