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II. Werden, Wirken und Feste des Vereins im zweiten Vierteljahrhundert

Full text: Verein Berliner Künstler gegr. 19. Mai 1841 / Pietsch, Ludwig (Public Domain)

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Pfahlrost aufgeführt wurde, war die Folge. In diesem sind die akademischen Kunst- 
ausstellungen von 1876 — 81 abgehalten worden und zwar alljährlich, bis dann nach dem 
Brande der Komischen Oper zu Wien Sorge um Feuersgefahr das Gebäude in Misskredit brachte. 
Die Bedeutung, welche seitens der Künstlerschaft der Uebernahme des akademischen 
Direktorats durch Anton von Werner beigemessen wurde, prägt sich sehr entschieden, wenn 
auch in humoristischer Form, in der reichen Composition der von Ludwig Burger 
erfundenen und lithographirten meisterhaften Festkarte für das Vereins-Winterfest am 3. März 
des Jahres 1876 aus. Durch Klappen wie die eines Flügelaltars geschlossen, zeigt sie, geöffnet, 
den Carton von Cornelius, die Erscheinung des himmlischen Jerusalem, parodirend, A. v. Werner, 
umgeben von seinem Lehrerkollegium zur Erde und zur Akademie herabschwebend, wo bereits 
der Prachtbau des idealen Künstlerhauses aufragt, 
Auf diesem Herren-Maskenfest im Englischen Hause, auf welchem der altberlinische 
Humor einmal wieder lustig in die Halme schoss, kam ein wilder Soldatenzug aus dem 
30jährigen Kriege, eine zweite, der Krachperiode angepasste, veränderte Auflage von G. Heyls 
„Schöner Melusine“, ein verwegener Fastnachtsschwank von M. Meurer „der geputzte Mond‘“ 
von wahrhaft aristophanischem Humor zur Aufführung, und ein fabelhafter asiatischer Herrscher 
beglückte die Gesellschaft durch sein Erscheinen und die freigebige Verleihung von Diplomen 
und Orden. — Ein glücklicher Gedanke war es unzweifelhaft, die herrliche Cisterzienser-Kloster- 
kirchen-Ruine Chorin zum Ziel der Festfahrt am 20. Juni 1876 und zum Schauplatz der 
Sommerfeier zu wählen: ein desto unglücklicherer, in diesem edeln geweihten Raum und in 
seiner nächsten Umgebung satirische stark gewürzte Schwänke und Possen zur Aufführung zu 
bringen. — Eine schöne würdige Gedächinissfeier für Christian Rauch wurde am 2. Januar 
1877 an dem zum hundertsten Mal wiederkehrenden Tage seiner Geburt begangen. In den 
Räumen des Vereins selbst fand das intime weihevolle Fest in den Mittagsstunden statt. 
Löwenstein hielt die Festrede, Fricke sang eine von Th. Krause gedichtete und componirte 
Hymne auf Rauch „des Steins und Erzes Meister, der geführet unsre Geister“. Eine lange 
heitere Kneipsitzung schloss sich an den ernsten Akt. — 
Durch wahrhaft poetischen Humor und grossartige künstlerische Veranstaltungen 
half das Sommerfest dieses Jahres am 17, Juni 1877 im Park des Schlosses Ruhleben, 
welcher den zum Spreeufer absinkenden Abhang bedeckt, die Scharte vom vorigen Jahr 
glänzend wieder auswetzen. Auf Dampfern begab sich die Gesellschaft dorthin, wo sie die 
modernisirte lebendig gewordene antike Götter-, Halbgötter- und Heroenwelt empfing und
	        
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