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II. Werden, Wirken und Feste des Vereins im zweiten Vierteljahrhundert

Full text: Verein Berliner Künstler gegr. 19. Mai 1841 / Pietsch, Ludwig (Public Domain)

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einzige, welches gänzlich verregnete und das zu seiner Feier arrangirte Königsschiessen der 
Schützengilde einer deutschen Kleinstadt aus den zwanziger Jahren völlig verdarb. — 
Kinen ganz neuen Charakter zeigte das- grosse Winterfest am 21. Februar 1875 in 
den damals eben neu eröffneten Reichshallen, deren hohe Halle aufs kunstprächtigste decorirt 
worden war: ein Maskenfest mit Damen, zu dem sich die ganze Berliner Gesellschaft drängte; 
mit einem von J. Wolff und Dielitz verfassten hochromantisch-poetischen ernsthaften 
Märchenspiel „Sonnenwendnacht am Rhein“, in welchem die schöne Bühnenkünstlerin Frau 
Erhard als „Lorelei“, Betz, der herrliche Sänger, als „Frauenlob“ mitwirkten; mit einem 
pompösen Festzuge, einer Pantomime von J]. Jacob „des Künstlers Traum“ und einem bis 
zum Morgen währenden Ball als Schlussakt. — Auch das Sommerfest dieses Jahres unterschied 
sich von allen seinen Vorgängern. Spielte es doch unter starker Betheiligung unserer Damen 
meist auf dem Wasser, an Bord des „Kriegsdampfers Neunauge“, der auf seiner Fahrt spree- 
aufwärts zu dem reizenden waldigen Uferort Grünau von Piraten angegriffen und geentert 
wurde. Aber diese unterlagen der tapferen Schiffsbesatzung im heissen Kampf und wurden 
zum gerechten Gericht nach Grünau mitgeschleppt, wo man sie zwar zum Tode durch den 
Strick verdammte, aber gnädig entliess, um sie an den folgenden Scenen des munteren Wald- 
und Gartenfestes theilnehmen zu lassen. 
Das Jahr 1875 war für die Berliner Kunstzustände von grosser wichtiger Bedeutung 
geworden. Die längst schon als nothwendig und unaufschiebbar erkannte Reform der 
Akademie der Künste an Haupt und Gliedern gelangte endlich zur Durchführung. Anton 
von Werner, die geistig überragendste Kraft der jüngeren Künstlergeneration, wurde als 
Direktor an die Spitze des reformirten Instituts gestellt; man berief die von ihm vorgeschlagenen 
besten Meister als Lehrer an die verschiedenen Klassen. Ein frisches Leben zog in die alten 
Räume ein. Schon die nächsten Schülerausstellungen gaben ein glänzendes hocherfreuliches 
Bild‘ der durch diese neuen. Kräfte erzielten Lehrresultate. Durch die Neugestaltung des 
ganzen Unterrichtswesens an unserer Hochschule der bildenden Künste wurde aber auch eine 
ganz veränderte Disposition der in dem Akademiegebäude vorhandenen Räume unvermeidlich. 
Der neue Direktor erklärte es unter Anderm auch für unmöglich, dass die lange Flucht 
der Säle und Korridore des alten Hauses auch fernerhin während der Monate September und 
Oktober in jedem zweiten Jahr ihrer Bestimmung entzogen werden sollte, um als Kunst- 
ausstellungslokal zu dienen. Die Errichtung eines „provisorischen“ Gebäudes auf der Nord- 
westspitze der Museumshalbinsel, welches zum Theil auf einem in das Spreebett getriebenen
	        
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