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Full text: Die Religionszugehörigkeit, religiöse Praxis und soziale Einbindung von Geflüchteten / Siegert, Manuel (Rights reserved)

BAMF-Kurzanalyse Ausgabe 02|2020 der Kurzanalysen des Forschungszentrums Migration, Integration und Asyl des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge 2 | 2020 1 Die Religionszugehörigkeit, religiöse Praxis und soziale Einbindung von Geflüchteten von Manuel Siegert Auf einen Blick „„Unter den Geflüchteten, die in den Jahren 2013 bis einschließlich 2016 nach Deutschland gekommen sind, ist insbesondere der Anteil der muslimischen Religionsangehörigen (rund 71 %) deutlich größer als in der restlichen Bevölkerung in Deutschland, dafür sind die Anteile der christlichen Religionsangehörigen (rund 17 %) und derjenigen, die sich keiner Glaubensrichtung zuordnen (rund 6 %), deutlich geringer. „„Unter den christlichen Geflüchteten ist der Anteil derjenigen, die sich einer orthodoxen Kirche zugehörig fühlen, deutlich höher und dafür der Anteil derjenigen, die sich der evangelischen und insbesondere der katholischen Kirche zurechnen, deutlich kleiner als innerhalb der restlichen christlichen Bevölkerung in Deutschland. „„Die muslimischen Geflüchteten stammen überwiegend aus dem Nahen und Mittleren Osten, die sonstige muslimische Bevölkerung in Deutschland ist dagegen mehrheitlich türkeistämmig. Es ist daher anzunehmen, dass aufgrund der unterschiedlichen lokalen Traditionen die Vielfalt des muslimischen Lebens in Deutschland weiter zunehmen wird. „„Hinsichtlich ihrer religiösen Zugehörigkeit sind die Geflüchteten nicht zwingend repräsentativ für ihre Herkunftsländer. Vielmehr sind insbesondere religiöse Minderheiten zum Teil überrepräsentiert, wie zum Beispiel christliche Geflüchtete aus Iran. „„ Muslimischen Geflüchteten scheinen Glaube und Religion etwas weniger wichtig zu sein als den sonstigen muslimischen Religionsangehörigen in Deutschland. Diesbezüglich scheinen sie eher den in Deutschland lebenden Menschen christlichen Glaubens zu entsprechen. Demgegenüber scheinen Glaube und Religion besonders den christlichen Geflüchteten wichtig zu sein. „„Geflüchtete, die am religiösen Leben teilnehmen, sind stärker sozial eingebunden als Geflüchtete, die dies nicht tun. Dabei steht der häufige Besuch religiöser Veranstaltungen auch in einem leicht positiven Zusammenhang mit der Zeit, die speziell mit Deutschen verbracht wird. Das heißt, es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Teilnahme am religiösen Leben mit einer Abschottung von der Aufnahmegesellschaft einhergeht. Forschung Forschungszentrum Migration, Integration und Asyl 2 BAMF-Kurzanalyse 02|2020 Einleitung Ende 2018 lebten rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland, die als Schutzsuchende gekommen waren (Statistisches Bundesamt 2019). 1 Dabei stammt der Großteil der Schutzsuchenden aus überwiegend islamisch geprägten Ländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak (BAMF 2019: 73). Da der Anteil der muslimischen Religionsangehörigen an der in Deutschland ansässigen Bevölkerung im Jahr 2015 maximal rund 6 % (bis zu 4,7 Millionen Menschen) ausmachte (Stichs 2016), wird sich der Zuzug schutzsuchender Menschen auch auf das religiöse Leben in Deutschland auswirken. Nicht nur hat die Zahl der in Deutschland lebenden muslimischen Religionsangehörigen zugenommen, auch die Vielfalt speziell des muslimischen Lebens in Deutschland sollte zunehmen. Denn unter den muslimischen Religionsangehörigen in Deutschland bilden zwar noch immer türkeistämmige Personen die größte Herkunftsgruppe, aufgrund des Migrationsgeschehens von und nach Deutschland hatte sich ihr Anteil bis Ende 2015 aber bereits merklich verringert 1 Die Begriffe Geflüchtete, Flüchtlinge und Schutzsuchende werden hier nicht im rechtlichen Sinne, sondern als Sammelbegriffe für Personen verwendet, die in Deutschland einen Asylantrag gestellt haben, unabhängig davon, ob bzw. wie dieser Antrag entschieden wurde (für eine ausführliche Beschreibung der hier betrachteten Grundgesamtheit: Kroh et al. 2016). (Stichs 2016: 31). Die Zuzüge in den Jahren nach 2015 werden diese Entwicklung weiter vorantreiben. Hinzu kommt, dass Geflüchtete nicht nur aus überwiegend muslimisch geprägten Ländern stammen. Entsprechend werden auch andere Glaubensrichtungen von der Zuwanderung beeinflusst. In diesem Zusammenhang ist aber zu beachten, dass die Geflüchteten hinsichtlich ihrer religiösen Zugehörigkeit nicht zwingend repräsentativ für ihre Herkunftsländer sind. Vielmehr kann angenommen werden, dass religiöse Minderheiten überrepräsentiert sind, insbesondere, wenn sie in ihren Herkunftsländern aufgrund ihrer religiösen Zugehörigkeit verfolgt wurden. Darüber hinaus ist ein Einfluss auf das jeweilige religiöse Leben in Deutschland nur dann möglich, wenn Glaube und Religion bei den Geflüchteten eine gewisse Rolle im Leben spielen, sie ihren Glauben praktizieren und entsprechend auch am religiösen Leben teilnehmen. Bisher liegen aber noch kaum Erkenntnisse dazu vor. Dabei kann die Einbindung der Geflüchteten in religiöse Gemeinschaften nicht nur das religiöse Leben in Deutschland beeinflussen, sondern auch das Einleben der Geflüchteten in Deutschland (Müssig/Stichs 2012: 303-310). Denn über die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen und das Engagement in religiösen Gemeinschaften können möglicherweise Kontakte zu Personen der Aufnahmegesellschaft geknüpft werden, Infobox : Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten ist eine seit 2016 laufende bundesweite Längsschnittbefragung von Personen, die im Zeitraum vom 1. Januar 2013 bis einschließlich 31. Dezember 2016 nach Deutschland gekommen sind und hier einen Asylantrag gestellt haben, unabhängig von Verlauf und Ausgang des Asylverfahrens. Berücksichtigt wurden somit sowohl Personen, die sich im Asylverfahren befanden (Asylbewerber/-innen), als auch solche, denen bereits ein Schutzstatus zuerkannt wurde – insbesondere Asylberechtigte nach Art. 16a des Grundgesetzes und Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention sowie subsidiär Schutzberechtigte. Weiterhin wurden Personen befragt, deren Asylantrag abgelehnt, deren Ausreise bzw. Abschiebung jedoch aus unterschiedlichen Gründen ausgesetzt wurde und die daher überwiegend eine Duldung erhalten haben (Kroh et al. 2016). Darüber hinaus werden auch die Haushaltsmitglieder dieser Personen befragt. Grundlage für die Stichproben- ziehung war das Ausländerzentralregister (AZR). Bei Verwendung statistischer Gewichtungsverfahren sind die auf Basis der Daten gewonnenen Ergebnisse repräsentativ für die Haushalte der oben abgegrenzten Population (für eine detaillierte Darstellung der Stichprobenziehung: Kroh et al. 2016, Kühne et al. 2019; Jacobsen et al. 2019). Für das Jahr 2016 liegen Informationen zu 4.465 erwachsenen Personen vor, für das Jahr 2017 sind es Informationen zu rund 5.668 erwachsenen Personen. Das Befragungsprogramm ist vergleichsweise umfangreich (Kroh et al. 2016), was eine umfangreiche Analyse der Lebensumstände der Geflüchteten erlaubt. Bei den Analysen ist es daher möglich, eine Vielzahl an relevanten Merkmalen, wie beispielsweise Einreisezeitpunkt, Geschlecht, Alter, Herkunftsland, Bildungsniveau oder aufenthaltsrechtlicher Status, zu berücksichtigen. 3 BAMF-Kurzanalyse 02|2020 was sozialer Isolation entgegenwirken kann. Auch besteht die Möglichkeit, dass die so gewonnenen sozialen Kontakte wichtige Informationen oder konkrete Hilfestellungen bereitstellen, die das Einleben in der Aufnahmegesellschaft erleichtern. Vor diesem Hintergrund wird in dieser Kurzanalyse anhand der Daten der zweiten Welle der IAB-BAMFSOEP-Befragung von Geflüchteten (Kroh et al. 2016; Kühne et al. 2019; Infobox) aus dem Jahr 2017, in dem die Themenbereiche Religion, Glaube und religiöse Praxis detailliert erhoben wurden, gezeigt, ob die Geflüchteten am religiösen Leben in Deutschland teilnehmen und falls ja, ob dies mit ihrer sozialen Einbindung in Zusammenhang steht. Hierzu wird zunächst untersucht, welchen Glaubensrichtungen sich die Geflüchteten zugehörig fühlen, die in den Jahren 2013 bis einschließlich 2016 nach Deutschland gekommen sind. Daran anschließend werden die soziostrukturellen Charakteristika der Angehörigen der unterschiedlichen Glaubensrichtungen in den Blick genommen, bevor gezeigt wird, welchen Stellenwert Religion und der Glaube für die Geflüchteten haben und inwieweit sie bereits in das religiöse Leben in Deutschland eingebunden sind. Im Anschluss wird auf die soziale Integration der Angehörigen der unterschiedlichen Glaubensrichtungen eingegangen und gezeigt, ob die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen – als Indi- kator für die Teilnahme am religiösen Leben – mit der sozialen Integration in einem Zusammenhang steht. Der Beitrag schließt mit einer Zusammenfassung und Diskussion der zentralen Ergebnisse. Religionszugehörigkeit der Geflüchteten Die deutliche Mehrheit der Geflüchteten (rund 71 %) rechnet sich dem Islam zu (Abbildung 1). Mit deutlichem Abstand folgt an zweiter Stelle das Christentum, dem sich rund 17 % der Geflüchteten zuordnen. Die Anteile derjenigen, die sich entweder einer anderen Glaubensrichtung zugehörig fühlen oder sich als konfessionslos bezeichnen, liegen mit jeweils rund 6 % gleich auf. Diese Verteilung entspricht weitgehend der Verteilung der Religionszugehörigkeiten der Asylbewerber der Jahre 2014 bis 2017 (BAMF 2015, 2016, 2017, 2018). Lediglich Personen, die sich keiner Konfession zugehörig fühlen, sind in den vorliegenden Analysen etwas stärker vertreten. Damit unterscheidet sich die religiöse Zugehörigkeit der Geflüchteten deutlich von der religiösen Zugehörigkeit der in Deutschland ansässigen Gesamtbevölkerung. Denn im Jahr 2010 gehörten etwas mehr als 60 % der Bevölke- Abbildung 1: Die religiöse Zugehörigkeit der Geflüchteten, Anteile in % 6,3 6,2 16,8 70,7 Islam Christentum Sonstiges konfessionslos Anmerkungen: Daten gewichtet. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten v34, eigene Berechnungen und Darstellung. 4 Abbildung 2: Glaubensrichtungen der muslimischen Geflüchteten, Anteile in % 9,8 Abbildung 3: Konfessionelle Zugehörigkeit der christlichen Geflüchteten, Anteile in % 6,0 7,5 19,4 42,0 82,7 sunnitisch schiitisch 32,6 andere orthodox evangelisch katholisch andere Anmerkung: Daten gewichtet. Anmerkung: Daten gewichtet. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. rung in Deutschland dem Christentum an, ungefähr 30 % bezeichneten sich als konfessionslos, ungefähr 5 % rechneten sich dem Islam zu und ca. 2 % einer anderen Religion oder religiösen Strömung (Bertelsmann 2013: 32). Auch wenn sich die religiöse Struktur in Deutschland seit 2010 verändert hat, machten auch noch im Jahr 2017, als die Daten der zweiten Welle der IAB-BAMFSOEP-Befragung von Geflüchteten erhoben wurden, Personen christlichen Glaubens die größte Gruppe in Deutschland aus, gefolgt von den Konfessionslosen. Im Vergleich zur restlichen Bevölkerung in Deutschland fühlen sich Geflüchtete somit vor allem häufiger dem Islam und seltener dem Christentum zugehörig, sie bezeichnen sich aber auch deutlich seltener als konfessionslos. Im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Glaubensrichtungen oder Konfessionen zeigt sich, dass es sich bei den muslimischen Geflüchteten überwiegend (rund 83 %) um Sunniten handelt (Abbildung 2). Rund 10 % bezeichnen sich als Schiiten und rund 8 % ordnen sich einer anderen muslimischen Glaubensrichtung zu. Damit entspricht diese Verteilung ungefähr der bisherigen Verteilung der muslimischen Glaubensrichtungen in Deutschland (Haug et al. 2009: 97). Lediglich Alevitinnen und Aleviten, die in Deutschland rund 13 % der muslimischen Religionsangehörigen ausmachen (Haug et al. 2009: 97), sind unter den Geflüchteten nicht bzw. kaum vertreten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Alevitinnen und Aleviten in erster Linie in der Türkei zu finden sind, Türken unter den hier untersuchten Geflüchteten jedoch kaum vorkommen. Bei den christlichen Geflüchteten handelt es sich überwiegend (42 %) um Angehörige der orthodoxen Kirchen (Abbildung 3). Ein Drittel (rund 33 %) der christli- chen Geflüchteten ordnet sich der evangelischen und ein Fünftel (rund 19 %) der katholischen Kirche zu. 6 % ordnen sich einer anderen christlichen Konfession zu. Damit unterscheidet sich die konfessionelle Zusammensetzung der christlichen Geflüchteten deutlich von der Zusammensetzung der christlichen Bevölkerung in Deutschland, denn hier liegen die Anteile der Angehörigen der evangelischen und der katholischen Kirche mit jeweils knapp unter 50 % fast gleich auf und der Anteil der Angehörigen der orthodoxen Kirchen ist mit knapp 2 % gering (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2014). Auch andere christliche Denominationen spielen unter den Christen in Deutschland eine nur kleine Rolle. Soziostrukturelle Charakteristika der Angehörigen der unterschiedlichen Religionen Die individuelle Religiosität, religiöse Praktiken und die Teilnahme am (institutionalisierten) religiösen Leben können mit zentralen soziostrukturellen Merkmalen zusammenhängen. Zum Beispiel nehmen muslimische Männer häufiger an religiösen Veranstaltungen teil als muslimische Frauen. Neben sonstigen kulturellen Traditionen dürfte dies auch darauf zurückzuführen sein, dass die Teilnahme am gemeinsamen Freitagsgebet für Muslime, nicht aber für Musliminnen religiöse Pflicht ist (Haug et al. 2009: 160). Um die folgenden Ergebnisse zur Religiosität und der Einbindung ins religiöse Leben besser einordnen zu können, wird daher zunächst ein Blick auf die soziostrukturellen Charakteristika der Angehörigen der unterschiedlichen Religionen geworfen. 5 BAMF-Kurzanalyse 02|2020 Abbildung 4: Religionszugehörigkeit nach Staatsangehörigkeit Islam Christentum 3,6 5,0 10,7 sonstiges konfessionslos 41,3 Insgesamt 41,2 0% 10% 13,3 9,8 30% Irak 40% Afghanistan 3,0 19,6 12,4 20% Syrien 6,3 12,8 10,3 12,8 9,9 55,7 13,9 14,6 18,1 23,9 24,2 14,1 11,1 15,0 7,0 50,8 50% Eritrea 4,7 60% übriges Afrika 70% Iran 14,0 4,7 12,4 80% 90% 100% sonst. Anmerkung: Daten gewichtet. Anteile unter 2 % werden nicht ausgewiesen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. Abbildung 5: Religionszugehörigkeit der Geflüchteten ausgewählter Herkunftsländer Syrien 87,3 Irak 4,4 2,1 6,2 50,3 6,1 Afghanistan 35,8 7,8 79,9 Eritrea 6,3 11,5 Iran 9,1 87,2 19,7 65,2 Insgesamt 13,6 70,7 0% 4,7 10% 20% 30% Islam 16,8 40% Christentum 50% sonstiges Anmerkung: Daten gewichtet. Anteile unter 2 % werden nicht ausgewiesen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. 60% 70% konfessionslos 80% 6,3 90% 6,2 100% 6 Hierzu werden im Folgenden die Altersstruktur, das Geschlechterverhältnis und die Herkunftsländer in den Blick genommen. Hinsichtlich der Altersstruktur zeigen sich zwischen den Angehörigen der unterschiedlichen Religionen weitgehend keine Unterschiede. So beträgt das Durchschnittsalter über alle befragten Geflüchteten hinweg rund 31 Jahre, was auch auf Personen zutrifft, die sich dem Islam oder dem Christentum zuordnen. Personen, die sich einer anderen oder keiner Religion zugehörig fühlen, sind mit durchschnittlich 32 Jahren minimal älter. Auch beim Geschlechterverhältnis zeigen sich nur geringe Unterschiede. Im Vergleich zur Grundgesamtheit, in der Männer rund 70 % ausmachen, sind Frauen unter denjenigen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, unterrepräsentiert (ohne Abbildung). Geringfügig zeigt sich dies auch bei denjenigen, die sich dem Islam zuordnen. Etwas überrepräsentiert sind sie dagegen unter denjenigen, die sich einer anderen, nicht näher spezifizierten Religion oder dem Christentum zugehörig fühlen. Im Hinblick auf die Herkunft zeigt sich, dass von den muslimischen Religionsangehörigen gut die Hälfte (rund 51 %) aus Syrien und weitere 15 % aus Afgha- nistan stammen (Abbildung 4). Damit unterscheiden sich die muslimischen Geflüchteten hinsichtlich ihrer Herkunft deutlich von den restlichen muslimischen Religionsangehörigen in Deutschland, die mehrheitlich (rund 51 %) türkeistämmig sind, während Musliminnen und Muslime mit Wurzeln im Nahen Osten nur rund 17 % ausmachen (Stichs 2016: 31). Entsprechend wird sich der Anteil der türkeistämmigen Personen unter den muslimischen Religionsangehörigen in Deutschland weiter verringern, nachdem dieser zwischen 2008 und Ende 2015 bereits merklich zurückgegangen war (Stichs 2016: 31). Damit einhergehend sollte aufgrund der unterschiedlichen lokalen Traditionen auch die Vielfalt des muslimischen Lebens in Deutschland weiter zunehmen (Stichs 2016: 32). Zwei Drittel der geflüchteten Christinnen und Christen stammen aus Afrika (zusammen rund 48 %) und Iran (rund 18 %). Unter denjenigen, die sich einer anderen, nicht näher spezifizierten Religion zugehörig fühlen, dominieren mit rund 56 % Personen aus dem Irak, während die anderen Herkunftsgruppen hier klar unterrepräsentiert sind. Im Hinblick auf die Verteilung der Religionszugehörigkeit innerhalb der größten Herkunftsgruppen – Syrien, Irak, Abbildung 6: Wichtigkeit von Religion für eigenes Wohlbefinden und Zufriedenheit nach Religionszugehörigkeit Islam Christentum sonstiges konfessionslos Insgesamt 49,3 22,6 16,8 11,3 10% 20% sehr wichtig 30% 40% wichtig Anmerkung: Daten gewichtet. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. 50% weniger wichtig 60% 11,7 14,2 34,9 39,3 0% 13,1 12,5 40,5 34,0 4,0 9,8 31,5 54,8 10,0 14,6 36,5 38,9 70% ganz und gar unwichtig 80% 90% 100% 7 BAMF-Kurzanalyse 02|2020 Afghanistan, Eritrea, Iran – zeigt sich, dass diese nicht repräsentativ für die Verteilung innerhalb der jeweiligen Herkunftsländer ist. Besonders auffällig ist dies für Geflüchtete aus Iran, von denen sich knapp zwei Drittel (rund 65 %) dem Christentum und nur 20 % dem Islam als zugehörig benennen, während in Iran nahezu die gesamte Bevölkerung muslimisch ist (Abbildung 5; Maoz/ Henderson 2013). Auch Personen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, sind unter den Geflüchteten aus Iran mit rund 14 % vergleichsweise stark vertreten. Im Vergleich zur Bevölkerung im Herkunftsland sind auch unter den Geflüchteten aus Eritrea christliche Religionsangehörige über- und muslimische unterrepräsentiert. Unter den Geflüchteten aus Eritrea gaben rund 12 % an, sich dem Islam zugehörig zu fühlen, rund 87 % fühlten sich dem Christentum zugehörig. Demgegenüber ist in der Bevölkerung Eritreas das Verhältnis von christlichen und muslimischen Religionsangehörigen nahezu ausgewogen (Maoz/Henderson 2013). Deutliche Unterschiede zeigen sich auch bei den Geflüchteten aus dem Irak: Während über 90 % der Bevölkerung im Irak dem Islam angehören (Maoz/Henderson 2013), beträgt der Anteil der islamischen Religionsangehörigen unter den Geflüchteten nur rund 50 %. Mit einem guten Drittel (rund 36 %) sind dafür jene deutlich überrepräsentiert, die sich einer sonstigen Glaubensrichtung zugehörig fühlen. Hierbei dürfte es sich insbesondere um Jesidinnen und Jesiden handeln (BAMF 2016: 25), die vor allem im Norden des Irak durch die terroristisch agierende Miliz Islamischer Staat (IS) verfolgt und ermordet wurden. Im Vergleich zur Herkunftsgesellschaft sind bei den Geflüchteten aus Afghanistan Sunnitinnen und Sunniten unter-, Schiietinnen und Schiieten, aber auch Christinnen und Christen, Angehörige anderer Glaubensrichtungen sowie Konfessionslose dagegen überrepräsentiert (Maoz/ Henderson 2013). Bei den Geflüchteten aus Syrien sind schließlich Alawitinnen und Alawiten klar unter- und Konfessionslose sowie Angehörige anderer, nicht näher spezifizierter Glaubensrichtungen überrepräsentiert (Maoz/Henderson 2013). Stellenwert von Religion im Leben der Geflüchteten Für den Großteil der befragten Geflüchteten spielt Religion im Leben eine wichtige Rolle: Knapp drei Viertel (rund 74 %) der Geflüchteten gaben an, dass die Abbildung 7: Selbst eingeschätzte Gläubigkeit nach Religionszugehörigkeit Islam Christentum konfessionslos Insgesamt 10% 20% 30% stark 40% eher Anmerkung: Daten gewichtet. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. 50% eher nicht 12,2 21,7 39,1 27,1 0% 45,4 25,7 22,3 6,7 25,9 15,5 38,3 20,3 4,9 13,9 35,5 45,7 sonstiges 9,9 23,8 41,3 25,1 60% gar nicht 70% 80% 90% 100% 8 Religion für ihr Wohlbefinden und ihre Zufriedenheit wichtig oder sehr wichtig ist, für rund 12 % ist sie ganz und gar unwichtig (Abbildung 6). Besonders häufig sagten christliche Geflüchtete, dass die Religion für ihr Wohlbefinden und ihre Zufriedenheit mindestens wichtig ist (rund 86 %; ganz und gar unwichtig: 4 %), gefolgt von den muslimischen Religionsangehörigen (mindestens wichtig: rund 75 %; ganz und gar unwichtig: 10 %) und denjenigen, die sich einer anderen, nicht näher spezifizierten Religion zugehörig fühlen (mindestens wichtig: rund 75 %; ganz und gar unwichtig: rund 13 %). Wenig überraschend gaben jene, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, am seltensten an, dass Religion für ihr Wohlbefinden und ihre Zufriedenheit mindestens wichtig ist (rund 18 %), dafür war für knapp die Hälfte von ihnen (rund 49 %) Religion ganz und gar unwichtig. die sich keiner Religion zugehörig fühlen: rund 45 % schätzten sich als gar nicht gläubig ein und rund 29 % als eher bis stark gläubig. Auch unter denjenigen, die sich einer anderen, nicht näher spezifizierten Religion zugehörig fühlen, ist mit rund 26 % der Anteil derjenigen, die sich als gar nicht gläubig bezeichneten, vergleichsweise hoch. Auch die Ergebnisse zur selbsteingeschätzten Gläubigkeit legen den Schluss nahe, dass Religion und Glaube für die christlichen Geflüchteten eine besonders wichtige Rolle spielen: Rund 46 % von ihnen schätzten sich selbst als stark gläubig ein, weitere rund 36 % als eher gläubig (zusammen: rund 81 %) und nur rund 5 % als gar nicht gläubig (Abbildung 7). Wie zu erwarten, scheinen diejenigen am wenigsten gläubig zu sein, Vergleiche mit Personen der Aufnahmegesellschaft legen nahe, dass Glaube und Religion für die muslimischen Geflüchteten weniger bedeutsam sind als für andere in Deutschland lebende muslimische Religionsangehörige. Sie entsprechen diesbezüglich ungefähr den in Deutschland lebenden Christinnen und Christen, während für die christlichen Geflüchteten Glaube und Religion am bedeutsamsten zu sein scheinen. So Muslimische Religionsangehörige schätzten sich als etwas weniger gläubig ein als die christlichen Geflüchteten: Zwei Drittel (rund 66 %) von ihnen gaben an, eher bis stark gläubig zu sein und rund 10 % schätzten sich als gar nicht gläubig ein. Damit entsprechen die muslimischen Geflüchteten relativ genau dem Durchschnitt aller Geflüchteten, von denen sich ebenfalls zwei Drittel (rund 66 %) als eher bis stark gläubig einschätzten und rund 12 % als gar nicht. Abbildung 8: Häufigkeit des Besuchs religiöser Veranstaltungen nach Religionszugehörigkeit Islam Christentum 73,7 21,9 4,4 Insgesamt 64,5 27,4 8,1 10% 49,8 26,9 23,3 0% 18,2 29,8 52,0 sonstiges konfessionslos 53,5 26,8 19,7 20% 30% 40% mind. 1x/Woche bis tägl. Anmerkung: Daten gewichtet. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. 50% 60% mind. 1x/Monat oder seltener 70% nie 80% 90% 100% 9 BAMF-Kurzanalyse 02|2020 Abbildung 9: Häufigkeit des Engagements in religiösen Gemeinden und/oder Vereinen nach Religionszugehörigkeit Islam 6,6 Christentum 6,5 18,9 sonstiges Insgesamt 83,8 86,5 9,7 8,3 0% 59,3 9,3 11,5 9,0 5,1 2,1 konfessionslos 2,3 78,5 8,4 6,9 10% 75,9 8,9 20% 30% mind. 1x/Woche bis tägl. 40% 50% paarmal im Monat 60% 70% paarmal im Jahr 80% 90% 100% nie Anmerkung: Daten gewichtet. Anteile unter 2 % werden nicht ausgewiesen. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. stuften sich in einer Studie der Bertelsmann Stiftung 39 % der in Deutschland lebenden muslimischen Religionsangehörigen, 33 % der katholischen und 21 % der evangelischen Christinnen und Christen als sehr religiös ein (Pollack/Müller 2013: 17). In der Studie Muslimisches Leben in Deutschland (MLD) aus dem Jahr 2008 hatten sich rund 36 % der befragten muslimischen Religionsangehörigen als sehr stark gläubig eingeschätzt (Haug et al. 2009: 141). Teilnahme am religiösen Leben Ein knappes Viertel (rund 23 %) der Geflüchteten nahm mindestens einmal pro Woche an einer religiösen Veranstaltung teil, die Hälfte (rund 50 %) dagegen nie (Abbildung 8). Mit Abstand am häufigsten besuchten christliche Geflüchtete religiöse Veranstaltungen (rund 52 % mindestens einmal in der Woche), am seltensten Personen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen (rund 74 % besuchten nie eine religiöse Veranstaltung). Von den muslimischen Geflüchteten gab etwas mehr als die Hälfte (rund 54 %) an, nie eine religiöse Veranstaltung zu besuchen, ein Fünftel (rund 20 %) besuchte religiöse Veranstaltung nach eigenen Angaben mindestens einmal in der Woche. Ein Vergleich mit Personen der Aufnahmegesellschaft zeigt, dass die muslimischen Geflüchteten geringfügig seltener religiöse Veranstaltungen besuchen als andere muslimische Religionsangehörige oder katholische Christinnen und Christen in Deutschland, die christlichen Geflüchteten dagegen deutlich häufiger. So gaben in der MLD-Studie aus dem Jahr 2008 rund 35 % der muslimischen Religionsangehörigen in Deutschland an, mindestens ein paar Mal im Monat religiöse Veranstaltungen zu besuchen (Haug et al. 2009: 161). Im Religions-Monitor der Bertelsmann Stiftung gaben rund 30 % der muslimischen Religionsangehörigen, rund 33 % der katholischen und rund 18 % der evangelischen Christinnen und Christen an, mindestens einmal im Monat eine Moschee oder eine Kirche zu besuchen (Pollack/Müller 2013: 17). Von den muslimischen Geflüchteten gaben rund 28 % an, mindestens einmal im Monat eine religiöse Veranstaltung zu besuchen, bei den christlichen Geflüchteten betrug der Anteil 67 %. Nur eine Minderheit der Geflüchteten engagierte sich regelmäßig in religiösen Gemeinden und/oder Vereinen: Rund 8 % engagierte sich nach eigenen Angaben mindestens einmal in der Woche, weitere rund 7 % ein paarmal im Monat (Abbildung 9). Drei Viertel (rund 10 76 %) engagierten sich dagegen nie. Am seltensten engagierten sich Geflüchtete, die sich keiner Religion zuordnen (rund 87 % nie) oder die sich einer anderen, nicht näher spezifizierten Religion zugehörig fühlen (rund 84 % nie). mindestens einmal in der Woche und anteilig genauso viele ein paar Mal im Monat. Rund 79 % engagierten sich dagegen nie. Wie beim Besuch religiöser Veranstaltungen sind es auch in diesem Fall die christlichen Geflüchteten, die sich mit Abstand am häufigsten engagierten: Knapp ein Fünftel (rund 19 %) engagierte sich mindestens einmal in der Woche, rund 12 % ein paar Mal im Monat und rund 9 % zumindest ein paar Mal im Jahr. Doch auch hier gab mehr als die Hälfte (rund 59 %) an, sich nie zu engagieren. Von den muslimischen Geflüchteten engagierten sich nach eigenen Angaben rund 7 % Tabelle 1: Häufigkeit, mit der Zeit mit Deutschen verbracht wird, nach Religionszugehörigkeit (in %) Häufigkeit, mit der Zeit mit Deutschen verbracht wird 1x/Woche bis täglich seltener nie Islam 46,7 30,9 22,4 Christentum 46,9 33,1 20,0 Sonstiges 38,4 35,4 26,2 konfessionslos 44,3 38,9 16,8 Insgesamt 46,1 32,1 21,8 Ursächlich für das vergleichsweise seltene Engagement in religiösen Gemeinden und/oder Vereinen könnte sein, dass eine passende religiöse Infrastruktur, also zum Beispiel eine arabischsprachige Moscheegemeinde oder eine orthodoxe Kirchengemeinde, häufig (noch) fehlt Soziale Integration Wie in der Einleitung angedeutet, können religiöse Gemeinschaften das Einleben von insbesondere Neuzuwanderern in die Aufnahmegesellschaft erleichtern (Müssig/Stichs 2012: 303-310). Denn in religiösen Gemeinschaften knüpfen sie möglicherweise Kontakte zu Personen der Aufnahmegesellschaft, die dann wiederum Informationen und andere Hilfestellungen bereitstellen, die für das Einleben bedeutsam sind. Darüber hinaus können die so gewonnenen Kontakte sozialer Isolation und Vereinsamung aufseiten der Neuzuwanderer entgegenwirken. Zunächst zeigt sich, dass fast die Hälfte der Geflüchteten (rund 46 %) mindestens einmal pro Woche Zeit mit Deutschen verbrachte und etwas mehr als ein Fünftel (rund 22 %) nie (Tabelle 1; Siegert 2019). Zwischen den Angehörigen der unterschiedlichen Religionen Anmerkung: Daten gewichtet. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. Tabelle 2: Häufigkeit, mit der Zeit mit Deutschen verbracht wird, nach Häufigkeit des Besuchs religiöser Veranstaltungen und Religionszugehörigkeit (in %) Häufigkeit, mit der Zeit mit Deutschen verbracht wird Islam Christentum Sonstiges Insgesamt Besuch religiöser Veranstaltungen 1x/Woche bis täglich nie Mehrmals/Woche bis tägl. 47,9 21,3 Seltener 52,1 14,9 Nie 43,4 26,5 Mehrmals/Woche bis tägl. 48,4 14,6 Seltener 50,1 19,6 Nie 36,5 36,9 Mehrmals/Woche bis tägl. 82,3 0,9 Seltener 28,7 32,8 Nie 37,2 26,6 Mehrmals/Woche bis tägl. 48,7 18,1 Seltener 50,7 16,5 Nie 42,3 26,3 Anmerkung: Daten gewichtet. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. 11 BAMF-Kurzanalyse 02|2020 bei den christlichen Geflüchteten etwas deutlicher ausgeprägt sind als bei den muslimischen.2 Dafür ist das Muster, wonach Geflüchtete, die gelegentlich religiöse Veranstaltungen besuchten, am häufigsten etwas mit Deutschen unternahmen, bei den muslimischen Geflüchteten deutlicher ausgeprägt als bei den christlichen. Bei den muslimischen Geflüchteten ist der Unterschied zwischen jenen, die gelegentlich und jenen, die nie religiöse Veranstaltungen besuchten, statistisch signifikant. Bei den christlichen Geflüchteten dagegen der Unterschied zwischen jenen, die nie und jenen, die häufig solche Veranstaltungen besuchten. bestehen diesbezüglich kaum nennenswerte Unterschiede. Einzig bei Geflüchteten, die einer anderen, nicht näher spezifizierten Religion angehören, ist der Anteil derjenigen, die mindestens einmal in der Woche Zeit mit Deutschen verbrachten, mit rund 38 % unterund der Anteil derjenigen, die nie Zeit mit Deutschen verbrachten, mit rund 26 % überdurchschnittlich hoch. Zusätzlich ist bei Geflüchteten, die sich keiner Religion zuordnen, der Anteil derjenigen, die nie Zeit mit Deutschen verbrachten, mit rund 17 % geringer als bei den Angehörigen der anderen Religionen. Dabei sind die Unterschiede jedoch statistisch nicht signifikant, können von der Stichprobe also nicht auf die Grundgesamtheit übertragen werden. Auch dann nicht, wenn neben der Religionszugehörigkeit parallel auch das Herkunftsland, das Geschlecht, das Alter, das Einreisejahr, die Wohnform (Gemeinschaftsunterbringung vs. Einzelunterkunft), ein Index der Deutschkenntnisse, die Erwerbstätigkeit, das Bildungsniveau und die Familienform statistisch berücksichtigt werden (Ergebnisse hier nicht gezeigt). Ein anderes Bild zeigt sich bei den Geflüchteten, die sich einer sonstigen, nicht näher spezifizierten Religion zugehörig fühlen. Hier zeigt sich besonders deutlich, dass jene, die nie religiöse Veranstaltungen besuchten, seltener etwas mit Deutschen unternahmen als jene, die häufig an religiösen Veranstaltungen teilnahmen. Am seltensten unternahmen hier aber jene etwas mit Deutschen, die gelegentlich religiöse Veranstaltungen besuchten. Statistisch signifikant ist der Unterschied zwischen jenen, die nie und jenen, die gelegentlich religiöse Veranstaltungen besuchten, jedoch nicht. Dafür aber die Unterschiede zu jenen, die häufig religiöse Veranstaltungen besuchten. Im Hinblick auf die Häufigkeit des Besuchs religiöser Veranstaltungen zeigt sich, dass Geflüchtete, die nie religiöse Veranstaltungen besuchten, seltener etwas mit Deutschen unternahmen als Geflüchtete, die häufig (mehrmals pro Woche bis täglich) solche Veranstaltungen besuchten (Tabelle 2). Insgesamt gesehen scheinen jedoch jene Geflüchtete am häufigsten etwas mit Deutschen unternommen zu haben, die gelegentlich (einmal im Monat oder seltener) religiöse Veranstaltungen besuchten. Um auszuschließen, dass die gefundenen Zusammenhänge, wonach Geflüchtete, die regelmäßig religiöse Veranstaltungen besuchen häufiger etwas mit Deutschen unternehmen als Geflüchtete, die solche Veranstaltungen nie besuchen, vor allem auf soziodemogra- Dieses Muster zeigt sich jedoch nicht bei den sonstigen Religionen, sondern nur bei den muslimischen und christlichen Geflüchteten, wobei die Unterschiede 2 Da in der Gruppe der konfessionslosen Geflüchteten kaum jemand religiöse Veranstaltungen besucht, werden diese an dieser Stelle nicht berücksichtigt. Tabelle 3: Verbrachte Zeit mit Deutschen (Index: 1 „nie“ bis 6 „täglich“) – ordinale logistische Regression Einflussfaktoren Musliminnen und Muslime Christinnen und Christen Koeffizient Koeffizient Sig. Sig. Sonstige Koeffizient Sig. Besuch religiöser Veranstaltungen nie (Ref.) Gelegentlich 0,222 0,364 -0,717 Häufig 0,021 0,557 2,853 Kontrollen Anzahl ***    4.803 4.803 4.803 Anmerkungen: Unstandardisierte Logitkoeffizienten, Daten gewichtet, bei der Schätzung der Standardfehler wurde das Surveydesign berücksichtigt; die Ergebnisse stammen aus Modellen mit Interaktionseffekten; Signifikanzen: * p<0,05, ** p<0,01, *** p<0,001. Die hier nicht gezeigten Kontrollvariablen sind: Geschlecht, Alter, Aufenthaltsdauer, Erwerbssituation, Bildungsniveau, Deutschkenntnisse, Staatsangehörigkeit, Haushaltszusammensetzung, aufenthaltsrechtlicher Status, Art der Unterbringung (Gemeinschafts- oder Privatunterkunft). Die vollständigen Ergebnisse können über den Autoren bezogen werden. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. 12 Tabelle 4: Verbrachte Zeit mit anderen Personen (Index: 1 „nie“ bis 6 „täglich“) – ordinale logistische Regression Musliminnen und Muslime Christinnen und Christen Koeffizient Sig. Koeffizient Gelegentlich 0,366 *** 0,491 Häufig 0,472 ** 0,834 Einflussfaktoren Sig. Sonstige Koeffizient Sig. Besuch religiöser Veranstaltungen nie (Ref.) Kontrollen Anzahl -0,316 ** 1,424 **    4.781 4.781 4.781 Anmerkungen: Unstandardisierte Logitkoeffizienten, Daten gewichtet, bei der Schätzung der Standardfehler wurde das Surveydesign berücksichtigt; die Ergebnisse stammen aus Modellen mit Interaktionseffekten; Signifikanzen: * p<0.05, ** p<0,01, *** p<0,001. Die hier nicht gezeigten Kontrollvariablen sind: Geschlecht, Alter, Aufenthaltsdauer, Erwerbssituation, Bildungsniveau, Deutschkenntnisse, Staatsangehörigkeit, Haushaltszusammensetzung, aufenthaltsrechtlicher Status, Art der Unterbringung (Gemeinschafts- oder Privatunterkunft). Die vollständigen Ergebnisse können über den Autoren bezogen werden. Quelle: IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2017, v34. fische Charakteristika zurückgehen, wird im Folgenden zusätzlich mittels einer multivariaten Analyse geprüft, ob sich das gefundene Muster auch dann noch zeigt, wenn neben der Häufigkeit des Besuchs religiöser Veranstaltungen auch zentrale soziodemografische Charakteristika der Geflüchteten – Geschlecht, Alter, Aufenthaltsdauer, Erwerbssituation, Bildungsniveau, Deutschkenntnisse, Staatsangehörigkeit, Haushaltszusammensetzung, aufenthaltsrechtlicher Status und Art der Unterbringung (Gemeinschafts- oder Privatunterkunft) – statistisch berücksichtigt werden. Auch bei zusätzlicher Berücksichtigung der soziodemografischen Charakteristika zeigt sich in der Tendenz das Ergebnis aus der vorangegangenen Analyse (Tabelle 2), jedoch sind die Unterschiede bei den muslimischen und christlichen Geflüchteten nun nicht mehr statistisch signifikant (Tabelle 3). Lediglich bei den Angehörigen einer sonstigen, nicht näher spezifizierten Religion verbrachten jene, die häufig religiöse Veranstaltungen besuchten, weiterhin signifikant häufiger Zeit mit Deutschen als jene, die nie religiöse Veranstaltungen besuchten. Es ist aber zu beachten, dass, wie gezeigt, muslimische Religionsangehörige und insbesondere Angehörige einer orthodoxen christlichen Kirche in der deutschen Aufnahmegesellschaft vergleichsweise selten vorkommen. Auch wird das religiöse Leben in diesen religiösen Gemeinschaften in Deutschland vor allem von Personen mit Migrationshintergrund getragen und geprägt. Ob diese Personen mit Migrationshintergrund von den Geflüchteten zu den Deutschen gezählt werden, ist jedoch nicht klar. Das heißt, es ist möglich, dass die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen zwar nicht nennenswert die Häufigkeit erhöht, mit der Zeit mit Personen verbracht wird, die von den Geflüchteten als Deutsche identifiziert werden, es aber dennoch zu einer Stärkung der sozialen Netzwerke der Geflüchteten kommt, da diese in den religiösen Gemeinschaften andere Menschen treffen (Haug et al. 2009: 165). Um diese Möglichkeit zu berücksichtigen, werden die Angaben zur verbrachten Zeit mit Deutschen, mit Personen aus dem Herkunftsland und mit Personen aus anderen Ländern in einem Index zusammengefast, der vom Wert 1 „nie“ bis zum Wert 6 „täglich“ reicht und ergänzend analysiert, ob die Häufigkeit des Besuchs religiöser Veranstaltungen generell einen Einfluss auf die Häufigkeit der verbrachten Zeit mit anderen Personen hat. Wird die allgemein mit anderen verbrachte Zeit in den Blick genommen, zeigen sich, wie erwartet, deutlichere Zusammenhänge mit der Häufigkeit des Besuchs religiöser Veranstaltungen (Tabelle 4). Muslimische Geflüchtete, die gelegentlich oder häufig, und christliche Geflüchtete, die häufig religiöse Veranstaltungen besuchten, verbrachten statistisch signifikant häufiger Zeit mit anderen als jene, die nie religiöse Veranstaltungen besuchten. Bei Geflüchteten, die sich einer anderen, nicht näher spezifizierten Religion zugehörig fühlen, unternahmen dagegen nur jene, die häufig religiöse Veranstaltungen besuchten, häufiger etwas mit anderen als jene, die nie solche Veranstaltungen besuchten, während jene, die nur gelegentlich Veranstaltungen besuchten, dies sogar seltener taten. Jedoch ist der Unterschied zwischen jenen, die gelegentlich und jenen, die nie religiöse Veranstaltungen besuchten, statistisch nicht signifikant. BAMF-Kurzanalyse 02|2020 Zusammenfassung und Diskussion Die Verteilung der Religionszugehörigkeiten unter den Geflüchteten unterscheidet sich sowohl von der Verteilung innerhalb ihrer jeweiligen Herkunftsländer, als auch von der Verteilung innerhalb der sonstigen Bevölkerung in Deutschland. Insbesondere letzteres führt zu einer Zunahme der Vielfalt des religiösen Lebens in Deutschland. Sowohl insgesamt, als auch innerhalb der einzelnen Glaubensrichtungen. Denn unter den muslimischen Religionsangehörigen in Deutschland wird sich der Anteil der türkeistämmigen Personen, die bisher die Mehrheit stellen, weiter verringern. Aufgrund der unterschiedlichen lokalen Traditionen sollte dadurch wiederum die Vielfalt des muslimischen Lebens in Deutschland weiter zunehmen (Stichs 2016: 32). Da die christlichen Geflüchteten sich überwiegend der orthodoxen und deutlich weniger der evangelischen und insbesondere der katholischen Kirche zugehörig fühlen, sollte auch das christliche Leben in Deutschland vielfältiger werden. Zwar spielen Religion und Glaube bei der deutlichen Mehrheit der Geflüchteten eine Rolle im Leben, doch scheinen sie den muslimischen Geflüchteten weniger bedeutsam zu sein als den sonstigen muslimischen Religionsangehörigen in Deutschland. Sie unterscheiden sich diesbezüglich kaum von der christlichen Bevölkerung in Deutschland. Besonders bedeutsam scheinen Glaube und Religion dagegen für die christlichen Geflüchteten zu sein. Vor diesem Hintergrund sowie dem Ergebnis, wonach knapp die Hälfte der Geflüchteten nie religiöse Veranstaltungen besucht und sich nur eine Minderheit regelmäßig in religiösen Vereinen und/oder Gemeinden engagiert, ist aber davon auszugehen, dass der Einfluss der Geflüchteten auf das religiöse Leben in Deutschland eher begrenzt ist. Darüber hinaus ist dadurch auch die Reichweite religiöser Institutionen bei der sozialen Einbindung der Geflüchteten eher überschaubar. Es hat sich aber auch gezeigt, dass Geflüchtete, die regelmäßig religiöse Veranstaltungen besuchen, häufiger Zeit mit anderen Personen – Deutschen, Personen aus dem Herkunftsland und/oder Personen aus anderen Ländern – verbringen als Geflüchtete, die selten oder vor allem nie religiöse Veranstaltungen besuchen. Kontakte explizit zu Deutschen werden durch die Teilnahme an religiösen Veranstaltungen jedoch nur sehr eingeschränkt gefördert, was mit den beschriebenen unterschiedlichen Glaubensrichtungen bei Geflüchteten und der sonstigen Bevölkerung in Deutschland zusammenhängen könnte. Wichtig in diesem Zusam- 13 menhang ist aber, dass der häufige Besuch religiöser Veranstaltungen nicht negativ, sondern leicht positiv mit der Zeit zusammenhängt, die mit Deutschen verbracht wird. Das heißt, es gibt auch keinerlei Hinweise auf Abschottungstendenzen. 14 Literatur Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2019): Das Bundesamt in Zahlen 2018. Asyl, Migration und Integration, Nürnberg. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2018): Das Bundesamt in Zahlen 2017. Asyl, Migration und Integration, Nürnberg. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2017): Das Bundesamt in Zahlen 2016. Asyl, Migration und Integration, Nürnberg. Siegert, Manuel (2019): Die sozialen Kontakte Geflüchteter. Ausgabe 4|2019 der Kurzanalysen des Forschungszentrums Migration, Integration und Asyl des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg. Statistisches Bundesamt (2019): Schutzsuchende. Ergebnisse des Ausländerzentralregisters 2018. Fachserie 1, Reihe 2.4 Bevölkerung und Erwerbstätigkeit. Wiesbaden. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) (2016): Das Bundesamt in Zahlen 2015. Asyl, Migration und Integration, Nürnberg. 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Manuel.Siegert@bamf.bund.de Impressum Herausgeber Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Forschungszentrum Migration, Integration und Asyl 90461 Nürnberg Stand 05/2020 Gestaltung Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) Besuchen Sie uns auf http://www.bamf.de/forschung www.facebook.com/bamf.socialmedia @BAMF_Dialog Other language www.bamf.de/publikationen Zitationshinweis Siegert, Manuel (2020): Die Religionszugehörigkeit, religiöse Praxis und soziale Einbindung von Geflüchteten. Ausgabe 02|2020 der Kurzanalysen des Forschungszentrums Migration, Integration und Asyl des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg. Verbreitung Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge kostenlos herausgegeben. Für nichtgewerbliche Zwecke sind Vervielfäl­tigungen und unentgeltliche Verbreitung, auch auszugsweise, mit Quellenangaben gestattet. Die Verbreitung, auch auszugs­weise, über elektronische Systeme oder Datenträger bedarf der vorherigen Zustimmung des Bundesamtes. Alle übrigen Rechte bleiben vorbehalten.
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